Andächtig nähern wir uns zwei Meistern ihres Fachs, zwei Bier-Resorbierern von wissenschaftlich strengem Anspruch, wenn wir die Augen aufheben zu den bisher vorliegenden Einzel- oder Gemeinschaftswerken in schriftlicher Form: Bier! Das Lexikon (Reclam Verlag, 1997)

Bier! Das neue Lexikon (Reclam, 1999)

1516 Biere - Der endgültige Atlas für die ganze Bierwelt (Edition Tiamat, 1999).

Die keineswegs gleichgültig dem Gerstensaft zusprechenden Zecher ("Bis zu 237 Marken pro Abend mußten mitunter, unabhängig voneinander und ohne Vorsagen und Abkucken, verkostet werden") sind gleichsam asketische Alkoholiker. Sie hören auf die Namen Jürgen Roth und Michael Rudolf. Den Adelsbrief hat den beiden Pokulierern, die ihre Leber dem Volkswohl zu opfern sich nicht zieren, die Bild-Zeitung ausgestellt: "Deutschlands gefürchtetste Biertrinker."

Das kann man verstehen. Welcher Braumeister steht gern an der Sudpfanne, denkt an die Hektoliterfässer im Kühlraum und sieht sein mit so viel Liebe geköcheltes Braun- oder Schwarzbier von unseren beiden Biernasen abserviert als "tauglich zum Autowaschen" oder mit dem Etikett versehen: "Ein Geschmack findet nicht statt."

Welche "Sisysuffarbeit" (so ihre Selbstkennzeichnung) die beiden Mäßigkeitsapostel leisten, indem sie, dem Beruf zuliebe, der Abstinenz entsagen, kann man nun auch hören: Bier! Die CD! dokumentiert in 48 oft nur sekundenlangen Mitschnitten einer Lesereise der Gambrinus-Gesellen durch das in der all- und alldeutschen Bierliebe nie getrennt gewesene Land. Warsteiner und Radeberger, Diebels und Jever, Astra und Moravia - unseren Bier-Studenten, was sag ich: Bier-Professoren stößt manches auf. Da gibt es schon mal ein Urteil, das auch dem Temperenzler mundet ("Ein Bier allererster Sahne"), doch überwiegen die aus säureverkniffenen Lippen gespuckten Schiedssprüche ("Bier-Terrorismus"

"Spitzenreiter bei den Umsatz-Einbrüchen"

"Kann ein Bier so schlimm schmecken, wie es stinkt?").

Welches Opfer da zwei Schlucker, ohne Honorar der Stiftung Warentest, dem Gemeinwohl bringen (Reinheitsgebot von 1516!) - nur schwer kann man sich entbrechen, den Sprücheklopfer Helmut Kohl nicht zu zitieren, hier hätten sich zwei dem deutschen Nationalgetränk mit durstigem Eifer zugetane Bierherzen "um unser Vaterland verdient gemacht" - wenn man unter dem halben Hundert der Beiträge auf dieser CD nicht nur Binding, Licher, Beck's findet, sondern auch S.O.S.-Rufe wie Häusliche Hölle, In der Höhle des Löwen, Abbauprozesse, ja sogar den Notarzt-Appell Kopfweh.

Man denkt, diese gut durchgegorene Mischung von Information, Gutachten, Stammtisch-Urteil, Gourmet-Geraunze, witziger Moderation und Hoppla-Hopp-Sprüchen, die keinen Zweifel daran lassen, dass Roth/Rudolf einen zweiten Wohnsitz in Kalau haben ("Schmeckt, wie man sich gerade fühlt, also meistens schlecht"), sei ein Gebräu der Kneipen-Kultur. Weit gefehlt. Ja, ein paar Aufnahmen stammen aus dem Faust-Keller in Miltenberg, aber sonst? Aus dem Bärenzwinger in Dresden, dem Club Voltaire in Frankfurt am Main oder der dortigen Romanfabrik und dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Dunkel grollt der eine, giftig fistelt der andere dazwischen. Ein glänzendes Duo, das seine Tagesfron harter Arbeit am Alkohol nach Einbruch der Dunkelheit beginnt mit der Begrüßung der Zuhörer, "Schönen guten Abend auch!", ehe man, nach dem theoretischen Teil, dem schon praktische Studien am Objekt beigemischt sein können, mit oder ohne Publikum sich intensiv dem mitternächtlichen Tagewerk zuwendet - nein: weiht.

Hoffen wir mit unseren Bierwächtern, es möge ihnen erspart bleiben, worüber ein deutscher Dichter, der die Feder wie den Humpen zu heben wusste, vor fast einem halben Jahrtausend schon klagen musste: "Die Stube kalt, das Bier warm

/ Das ist ein Wirt, daß Gott erbarm."

* Jürgen Roth / Michael Rudolf: Bier! Die CD - Autorenlesung

Verlag Hörsturz, Erding

1 CD, 71 Min., 29,90 DM (ISBN 3-934847-76-5)