Juli hingerichtet wurde, war über die "Reinhaltung der deutschen Rasse" von "Asozialen" sehr besorgt. Sie gehörte für ihn zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung. Deshalb, und um Internierungskosten in Deutschland zu sparen, wollte er die Berliner "Zigeuner" so schnell wie möglich loswerden.

Der in der NS-Propaganda verbreitete Spionageverdacht spielte als Motiv für die Deportationen, anders als es Jäckel dargestellt hat, nur eine untergeordnete Rolle. Das zeigt auch das 1996 erschienene Buch des Historikers Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid.

Verglichen mit dem immer perfekter organisierten Holocaust an der jüdischen Bevölkerung haftete dem Massenmord an Sinti und Roma etwas "Chaotisches" an.

Das zeigt auch das Beispiel "Transnistrien". In diese Region der südlichen Ukraine zwischen Djnestr und Bug, Teil des mit Deutschland verbündeten Rumänien, wurden etwa 25 000 Roma deportiert und jahrelang zwischen der deutschen und der rumänischen Verwaltung hin- und hergeschoben. Überlebt haben nur etwa 2000 von ihnen. Die anderen starben an Hunger, Erschöpfung oder wurden Opfer von Massenerschießungen, an denen auch Milizen der Volksdeutschen beteiligt waren.

Ein lang geplantes "Zigeunergesetz" kam bis zum Ende des Krieges nicht zustande. Dabei spielten ideologische Prioritäten - der Antisemitismus als bestimmendes Element - ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass sich Partei-, SS- und staatliche Stellen darüber stritten, wie die ursprünglich ja aus dem "arischen" Indien stammende Minderheit "rassisch" überhaupt einzuordnen sei.

Das änderte allerdings nichts daran, dass die Politik des deutschen Staates zunehmend auf Vernichtung abzielte. Von der Nachkriegsjustiz wurde dies zunächst bestritten. Viele Sinti und Roma erhielten keinen Pfennig Entschädigung, weil der Bundesgerichtshof in seinem Urteil vom 7. Januar 1956 entschieden hatte: "Faßt man zunächst den Runderlaß des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei vom 8.12.1938 (...) ins Auge, dann läßt er jedoch erkennen, daß trotz des Hervortretens rassenideologischer Gesichtspunkte nicht die Rasse als solche der Grund für die darin getroffenen Anordnungen bildet, sondern die bereits erwähnten asozialen Eigenschaften der Zigeuner, die auch schon früher Anlaß gegeben hatten, die Angehörigen dieses Volkes besonderer Beschränkungen zu unterw erfen."

Tatsächlich war "asozial" nur eine Unterkategorie der Nazis für "rassisch minderwertig" in ihrer auf pseudobiologische Vorstellungen des 19. Jahrhunderts zurückgreifenden Rassenideologie. Ärzte, Anthropologen und Eugeniker versuchten zu beweisen, dass asoziales und kriminelles Verhalten erblich seien. Der führende Tübinger "Rasseforscher" Robert Ritter erklärte sie zu "primitiven Menschen". Die "Macht der Vererbung" lasse einen Wandel nicht zu. "Reinrassige Zigeuner" dürften nur untereinander heiraten. Die große Mehrheit der assimilierten "Zigeunermischlinge" müsse als "asoziales Gesindel" unfruchtbar gemacht werden. So geschah es auch. Manche ließen sich freiwillig sterilisieren, um einer Internierung zu entgehen, so auch Boxer Trollmann. Auf Dauer schützte das nicht. Die Unterscheidung zwischen "Zigeunermischlingen" und "Zigeunern" wurde 1943 aufgehoben. Trollmann starb noch im selben Jahr im Hamburger KZ Neuengamme.