Das Jüdische Museum ist - nur ein Jahr vor der geplanten Eröffnung - heftig in die Kritik geraten. Doch erstaunlicherweise geben sich die Betroffenen erleichtert angesichts dieser für sie nicht eben komfortablen Lage.

Fast scheint es sogar, als könnte das 80-köpfige Team aus Historikern, Judaisten, Kunstgeschichtlern, Designern und Museumsfachleuten, das zurzeit in der Berliner Lindenstraße an der Ausstellung für den Libeskind-Bau feilt, mit den öffentlich erhobenen Vorwürfen besser leben als mit dem für deutsch-jüdische Debatten typischen verkrampften Gratiswohlwollen.

Ein Konzeptpapier mit hypothetischen Beispielen für die Dauerausstellung, zum internen Gebrauch angefertigt, landete vor einigen Wochen flugs im Internet. An einigen dort skizzierten Gestaltungsvorschlägen hat sich der Streit entzündet, der nun in heftige öffentliche Polemik mündet: W. Michael Blumenthal, der Direktor des Museums, sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, einer "Disneyworld-Ästhetik" zu huldigen und "animierte Madame-Tussaud-Effekte" zu planen.

Im Konzept wird vorgeschlagen, bestimmte Themen in dramatisierter Form darzustellen: So könnte man etwa Fragen von Emanzipation, Integration und Assimilation in Form eines Kaffeehaus-Streitgesprächs zwischen Albert Einstein und Fritz Haber in Szene setzen. Denkbar wäre auch eine Installation, in der Jud Süß aus einem eisernen Käfig heraus seine Lebensgeschichte erzählt. Die Forschung, heißt es zur Begründung, habe nun einmal gezeigt, dass Museumsbesucher am liebsten anhand persönlicher Geschichten lernen. Darum sollen auch interaktive Rollenspiele am Computer in der Ausstellung eingesetzt werden: Besucher können dann erproben, ob sie im Untergrund von Nazi-Berlin als "U-Boot" überleben oder als Flüchtling die Schweizer Grenze erreichen könnten.

Der Direktor beeilt sich zu erklären, dass es sich bei diesen Vorschlägen um reine Gedankenspiele handele. Es sei bisher "noch gar nichts endgültig entschieden". Allerdings gibt er sich auch entschlossen, sich bei der Wahl der Mittel und Medien nicht von "intellektuellen Snobs" einschüchtern zu lassen. Das Museum soll populär sein und für alle Besuchergruppen etwas bieten, ohne unwissenschaftlich und oberflächlich zu sein. Wenn dieses letztere Bekenntnis ernst gemeint ist, sollte man die bekannt gewordenen Vorschläge allerdings tunlichst im Bereich des Hypothetischen belassen.

Andererseits hat Blumenthal völlig Recht, sich gegen eine böswillige Kritik zur Wehr zu setzen, die sein Vorhaben wegen einiger "interaktiver Elemente" gleich in die Nähe von Geisterbahn und Spielhölle rückt. Der aus Oranienburg bei Berlin gebürtige Blumenthal ist selbst ein Intellektueller, sosehr er sich auch von snobistischen Attitüden distanziert. Der ehemalige amerikanische Finanzminister mit dem Habitus eines melancholischen preußischen Generals hat ein bedeutendes Buch über die 300-jährige Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie - seiner Familie - geschrieben, das durch Sinn für Komplexität und historische Einbildungskraft besticht. Und er hat - wissend, wie umkämpft sein neuestes Betätigungsfeld ist - dem Museum einen Wissenschaftlichen Beirat beschert, eine Korona von namhaften Historikern, die das Projekt vor der Überinszenierung mit allen Schikanen moderner Museumspädagogik bewahren werden: Wolfgang Benz, Monika Richarz, Dan Diner, Saul Friedländer, Michael Brenner, Reinhard Rürup und Fritz Stern sind darunter - lauter Gelehrte, die einen Ruf zu verlieren haben. Auch die soeben bestallten Designer, Würth und Winderoll, bekannt aus dem Bonner "Haus der Geschichte", stehen nicht für die Ästhetik des Spektakels.

Ein Jahr vor der Eröffnung des Baus macht sich Panik breit