Es ist viel zu wenig bekannt, dass die Tierwelt des Salzkammerguts - darunter insbesondere Hirsche, Ziegenböcke, Hirtenhunde und Bambis - eine wichtige Stütze für das System Kohl bildete. Immer noch fährt der Altkanzler nach Sankt Gilgen an den Wolfgangsee. Was er dieses Jahr dort gemacht hat, ist nicht mehr so wichtig, aber als er noch ein mächtiger Mann war, gehörte es neben den obligaten Jausen zu seinen großen Urlaubsfreuden, Tiere zu streicheln. Tiere, die etwa hüfthoch waren, ein Fell trugen und sich bequem tätscheln ließen.

Ein Pudel hätte den Kanzler zu massig aussehen lassen, ein Elefant (gäbe es einen im Salzkammergut) zu klein. Von aristotelischem Maß mussten die Gestreichelten sein, sympathisch und nützlich, eben wie verzauberte Idealuntertanen. Der große Mann stellte sich in die Bergkulisse und symbolisierte sein Einssein mit der Natur. Das war eindrucksvoll. Danach setzte er sich immer an den See und führte mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen ein langes Gespräch. Für zwei Stunden zähmte er seinen Rochus auf die Journalisten, und dank eines Interviewers, der verlässlich auf dem Unionsticket die Karriereleiter hinaufglitt, konnten Intendant und Chefredakteur in Mainz-Lerchenberg wieder mal in Ruhe die Füße auf den Schreibtisch legen.

Es war die große Zeit des großen Sommerinterviews. Das ZDF hatte den Bundeskanzler für sich

keiner hatte das, nicht die ZEIT, der Spiegel nicht und auch nicht der Rotfunk. Und während die SPD in Bonn regelmäßig ein zänkisches Sommertheater aufführte, Traditionalisten gegen Modernisierer zeterten, Reformer gegen Sozialstaatler, der parteipolitische Apparat sich in kleinlichem Egoismus erging und die Politiker sich wieder einmal mit ihren niederen Instinkten in Szene setzten, da sendete das ZDF sonntagabends das Kontrastprogramm, den Herrscher im Heimatfilm, die Sankt Gilgener Apotheose, das Ommmm der warmen Jahreszeit: Alles in Ordnung in Deutschland, all es in meinem Griff, Soz bleibt Soz, da helfen keine Pillen, meine Welt ist ein Streichelzoo, und, äh, genug Geld haben wir auch.

Gemessen an diesen Sternstunden, wirkt das Sommerinterview-Programm des ZDF in diesem Jahr kläglich wie der Zustand der CDU. EDMUND STOIBER flog mit dem Helikopter herbei, weihte rasch ein mit Landesmitteln gepäppeltes Ferienzentrum ein und ließ sich nachher im schwarzen Dreiteiler auf einen Steg in den Brombachsee setzen. Manchmal fuhr hinten ein Ausflugsdampfer vorbei. Auch JOSCHKA FISCHER ließ den dunklen Anzug an. Er wollte vom Regieren nicht lassen und kam nur bis in den Garten des Gästehauses des Auswärtigen Amtes. Manchmal fuhr hinten ein Radfahrer vorbei. ANGELA MERKEL auf Rügen vor Boddenlandschaft und Theaterkulisse

es war ihr Wahlkreis, und gerade fanden die Störtebeker-Festspiele statt. Manchmal fuhr hinten ein Ausflugsdampfer vorbei. GREGOR GYSI wählte einen sinnfälligen Ort: Brechts Datsche in Buckow in der Märkischen Schweiz. Auch hier: Bootssteg, Wasserfläche, schmaler Waldrand. Wieder keine heroische Landschaft, vom Ausflugsdampfer wollen wir gar nicht reden. Der eine hat die Macht in seiner Partei schon verloren, die andere hat sie beileibe noch nicht gewonnen, der Außenminister hat schon bessere Zeiten gesehen (wir erinnern uns an ein Sommerinterview auf toskanischen Zinnen, Fischers asketische Augen glühten, während sich die Lage der Grünen so trüb ausnahm wie kalt gepresstes Olivenöl), nur der bayerische Ministerpräsident hat derzeit Schneid: Er führt die Opposition, aber ob in die richtige Richtung, weiß auch niemand.

Wenig glamouröse Kandidaten also. Die Lage erlaubt kein Herrschaftstheater mehr, nur noch kleines Fernsehspiel. Deswegen beherzigt Gerhard Schröder im Augenblick den Rat seines Regierungssprechers: Du kannst Medienkanzler nur bleiben, wenn du die Medien schlecht behandelst. In dieser Situation tut das ZDF, was Fernsehsender so tun, es entwirft die Welt des Politischen als postkohlsches Tableau der liebenswerten und interessanten Menschen.