Hände hoch! Leisten Sie keinen Widerstand!" Verwundert reibt sich der Kassierer der Depositenkasse der Deutschen Bank in Deuben bei Dresden die Augen, als am Morgen des 3. Juni 1921 sieben Männer mit gezogenen Revolvern in den Schalterraum eindringen. Der Anführer, ein kleiner Mann mit wiegendem Gang und stechendem Blick, fordert den Filialleiter auf, das Geld "gutwillig herauszugeben, da er es für revolutionäre Zwecke gebrauchen wolle". Während einer der Räuber vor der Tür Wache hält, ein zweiter die Telefonkabel mit geübtem Griff abreißt, fesseln die anderen die Bankbeamten an Händen und Füßen. Dem Kassierer bleibt nichts anderes übrig, als zu gehorchen. In Windeseile entnehmen die Einbrecher 250 000 Mark, verstauen die Beute in drei Säcken und machen sich aus dem Staube.

Die Berliner Kriminalpolizei spricht von einem "äußerst frechen Raub" und setzt 10 000 Mark Belohnung auf die Ergreifung der Täter aus. Schon bald verdichten sich die Hinweise, dass der "Kommunist und Wanderredner" Karl Plättner seine Hand im Spiel gehabt haben muss. Die Leipziger Wohnung seiner Geliebten wird Tag und Nacht überwacht, doch der Gesuchte bleibt unsichtbar.

Mit einer Schar gleich gesinnter Draufgänger verübt er in den folgenden Monaten Raubtat auf Raubtat - nicht um sich zu bereichern, sondern, wie er verkündet, um die soziale Revolution in Deutschland voranzubringen.

"Expropriation der Expropriateure" lautet sein Programm, und er geht dabei mit einer Energie zu Werke, die in der deutschen Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts ohne Beispiel ist.

Wer war dieser Mann, dessen Name einst Furcht und Schrecken verbreitete?

Geboren wurde Karl Plättner am 3. Januar 1893 im Dorf Opperode bei Ballenstedt im Herzogtum Anhalt - am Rande des Mansfelder Landes, das seit den Tagen des Bauernkrieges von 1525 zu den unruhigsten Regionen Mitteldeutschlands zählte. Sein Vater war Arbeiter, und bis zu seinem 20.

Lebensjahr deutete nichts auf die spätere Karriere als Bandenführer, wohl aber alles auf eine mustergültige sozialdemokratische Biografie. Nach Abschluss der Volksschule absolvierte er eine Lehre als Former im Eisenhüttenwerk in Thale am Harz, wohin die Familie 1905 gezogen war. Mit 18 Jahren trat er der Gewerkschaft, dem Metallarbeiter-Verband, und der SPD bei.