So, wie die Kunstgeschichte zu Hilfsnamen greift, um etwa den "Meister der Ursula-Legende" zu benennen, verständigten sich die ersten Bewunderer auf ein heute geflügeltes Wort: Den "guten Zeichner" nannten sie den Gesuchten fortan, bis ihn ein Fan im Jahre 1960 dann doch enttarnte. Ein öffentlichkeitsscheuer Brillenträger aus Oregon namens Carl Barks gilt seither vielen als bedeutendster Zeichner und Geschichtenerzähler, den der Comicstrip hervorgebracht hat. 99 Jahre ist Barks alt geworden, vergangene Woche ist er gestorben. Sein biblisches Alter passt gut zu jener Vorliebe für astronomische Zahlen, die in seinen Geschichten eine nicht unerhebliche Rolle spielt: In "Phantastilliarden" rechnet sich - im Jargon seiner nun auch schon 93-jährigen deutschen Übersetzerin Erika Fuchs - der Reichtum seiner berühmtesten Figurenerfindung, des Geizkragens Scrooge McDuck alias Onkel Dagobert. Ausgesprochen verärgert reagierte Barks auf die Anmaßung eines deutschen Kaufhauserpressers, ausgerechnet den Namens des Großkapitalisten zu verwenden, von dessen Rechtschaffenheit sein Erfinder doch stets überzeugt war: "Ich habe in Scrooge niemals einen jener Millionäre gesehen, die ihr Geld durch die Ausbeutung anderer gemacht haben. Gut, er hatte viel Geld, aber er war deswegen kein Verbrecher."

Wie viel Geld, diese insbesondere von deutschen "Donaldisten" heiß diskutierte Frage, vermochten übrigens weder Barks noch seine Schöpfung zu beantworten: War 1951 in der Januar-Ausgabe der Heftserie Walt Disney's Comics and Stories noch von "mehreren Milliarden Dollar" die Rede, so musste Onkel Dagobert schon im Novemberheft bei der Einschätzung passen - würde doch allein die Zählung seines Geldsegens 13 Jahre in Anspruch nehmen! Einen Monat später enthält dann eine Barks-Geschichte überraschend doch noch eine genauere Angabe, mit der man allerdings höchstens den Entenhausener Fiskus über Jahre in Geschäftigkeit versetzen könnte: "500 triplicataillion multipludillion quadruplicatillion centrifugalillion dollars and 16 cents."

Der Dollar war der geheime Hauptdarsteller jener meisterhaften Reiseerzählungen, die Barks während des Kalten Krieges allein mithilfe der Encyclopedia Brittanica und einiger National Geographic-Hefte auf seine Zeichenbögen bannte - auch wenn es seine deutsche Übersetzerin vorzog, die mythische Talerwährung einzuführen. Barks selber konnte vom Wohlstand freilich nur träumen. Als er 1994 erstmals Europa bereiste, antwortete er auf die Frage, ob er nun endlich so reich sei wie Onkel Dagobert: "Erst in den letzten beiden Jahren habe ich mit Lithografien genug verdient, um für die Einkommensteuer interessant zu werden. Ich habe nie in meinem Leben mehr verdient als ein Zimmermann oder Klempner."

Die 24 Jahre seines Comiclebens waren ausgesprochen produktiv: Rund 520 Geschichten gestaltete Barks als Zeichner und Autor zwischen 1943 und 1967; weitere von Barks geschriebene Stories entstanden nach seiner Pensionierung. 30 Bände umfasst die Ausgabe seiner gesammelten Werke: 6215 Seiten, 190 Cover und 396 Skripts alles in allem.

Wie so oft in den Hervorbringungen der amerikanischen Kunst, wie im Realismus der unakademischen Malereitradition des 19. Jahrhunderts oder im klassischen Hollywood-Kino der Stummfilmzeit verbinden sich in Barks Werk kleinteiliges Handwerk und verschwenderische, epische Größe. Das Winzige wird zum Monumentalen, der Konservatismus paart sich mit ausschweifender Anarchie und der Kleinbürger bricht auf zu utopischen Abenteuern. Der Träger für all diesen Luxus war billiges Zeitungspapier, kein Vergleich zum edlen Kupfertiefdruck der deutschen Micky Maus.

Barks mochte 10 oder 36 Seiten für eine Geschichte veranschlagen, stets gab es am Ende jeder Seite einen kleinen Cliffhanger oder einen Höhepunkt, der auf das Umblättern neugierig machte. Ja, sogar im Einzelbild, dem panel, steckt noch eine Unmenge winziger Details, die nicht das Geringste mit der Handlung zu tun haben und gerade deshalb die Aufmerksamkeit mit Beschlag belegen: Antike Skulpturen in Entengestalt schmücken Entenhausener Straßen, Fische mit Schnorchel und Taucherbrille bevölkern die Gewässer. Eine Spezialität in kunstgeschichtlicher Tradition sind Barks' versteckte Selbstporträts: Auf Steckbriefen zeigt er sein Konterfei und genießt als einziger Kleindarstellers Entenhausens das Privileg, ohne Schnauze, Rüssel oder Schnabel auszukommen.

Auf die verschwenderische Ausgestaltung seiner Bildräume angesprochen, antworte Barks stets mit demselben lakonischen Pragmatismus: Er habe den Kindern den Gegenwert für ihre zehn Cents liefern wollen. Als sich Barks in seinen letzten Lebensjahrzehnten in üppigen Ölgemälden seiner berühmtesten Comicszenen annahm, feierte diese Kleinteiligkeit Triumphe im prunkvollem amerikanischem Biedermeier. Auch für die paar tausend Dollar, die Fans nun für einen echten "Barks" ausgaben, sollten sie ihren Gegenwert erhalten. Doch Barks eigentliche Kunst war die Zeichnung, und hier ufert die Freude am Detail niemals aus. Sie ist vielmehr eingebunden in ein höchst ökonomisches System der Aktionsabläufe, sowohl in der filmischen "Montage" einer Comicseite als auch im Einzelbild selbst: Auch wenn wir den notorischen Choleriker Donald zum hundertsten Mal aus der Haut fahren sehen - in der Reduktion der sich in Bewegungslinien auflösenden Körperformen erscheint er stets im größtmöglichen Spannungsmoment eingefangen.

Diese Kunst kam nicht von ungefähr. Seit 1935 hatte Barks in der Trickfilmabteilung des Studios gearbeitet, wo er zunächst in der Animation und später im story department arbeitete. Walt Disney hatte die heute in der Filmherstellung alltägliche Technik des Storyboards entwickelt - die genaue Ausarbeitung einer Filmsequenz als Bildgeschichte. Überlebende Zeichnungen, die Barks für Bambi anfertigte, zeigen ihn freilich fehl am Platze: viel zu wenig Disney-Naturalismus steckt in den rundlichen Formen, die er dem Rehkitz gab. Als Barks 1942 an der Umgestaltung eines nicht realisierten Donald-Trickfilms in Comicform mitwirkte, entdeckte er die immense erzählerische Freiheit der comic books. Er verließ das Studio, um fortan allein zu arbeiten - ein Entschluss, den er nie bereute. Barks entführte seine geliebte Ente aus der großen Legebatterie des Studios und zog mit seiner Frau auf eine echte Hühnerfarm östlich von Los Angeles. Aus der Einsamkeit entstand bald ein ganzes Universum: Ab 1947 erfand Barks all die Gefährten und Widersacher, die Donald unsterblich machten: Uncle Scrooge, die "Panzerknacker" (Beagle Boys), Gustav Gans (Gladstone Gander), Hexe Gundel (Magica de Spell) oder sein heimliches Alter Ego - den Erfinder Gyro Gearloose, im Deutschen Daniel Düsentrieb.

Hätte er es sich aussuchen dürfen, so gestand er dem Proust-Fragebogen einer von Donaldisten unterwanderten deutschen Tageszeitung, wäre er gern selbst ein Erfinder gewesen. Ein verbreiteter Wunsch für einen Selfmademan seiner Generation: Wie Disney verbrachte auch Barks seine Kindheit in Armut auf einer Farm, und wie Disney lernte er das Zeichnen in mühsam finanzierten Kursen und nach den Cartoons der Tageszeitung. Vor allem die ausschweifenden Traumgeschichten Winsor McCays inspirierten Barks, der sich gleichwohl noch zwei Jahrzehnte in verschiedensten Berufen verdingen musste, bis er im Depressionsjahr 1935 seinen ersten dauerhaften Job im Disney-Studio fand. Wenn McCay der Griffith des Comics gewesen ist, dann war Barks sein John Ford: Ein Traditionalist, der ausgerechnet im gemütvollen Illustrator Norman Rockwell sein größtes Vorbild sah. Die deutsche Fassung tilgte allerdings die Spuren der amerikanischen Popularmythologie, aus der Barks schöpfte, während er zugleich ein Teil von ihr wurde. Erika Fuchs' humorige Wortkaskaden besänftigten zwar skeptische Germanisten, verkehrten jedoch Barks' sprachliche Lakonie ins Gegenteil.

Begegnete man freilich dem stillen, freundlichen alten Herrn, der nichts so sehr verachtete wie Geschwätzigkeit, dann geriet man leicht in Gefahr, demutsvoll zu verstummen. Sonst hätte man ihn womöglich noch an seinen einstigen Arbeitgeber Walt Disney erinnert, von dem er zu erzählen pflegte: "Walt ließ einem immer das letzte Wort. Vorausgesetzt, es lautete: ,Yes, Walt'." Man rührte nicht am unverhohlenen Konservatismus des unverbesserlichen Antikommunisten Barks, dem man so viele der glücklichsten Momente seines Lebens verdankt: Reisen ins mythische Amerika, wo man am Klondike die Wurzeln Dagobertschen Reichtums entdeckte; in die Zukunft zu den Micro Ducks from Outer Space;oder - in Barks größtem Meisterwerk - in ein Reich reiner Imagination, das Land der viereckigen Eier. Einmal hat er sich sogar das größtmögliche Unglück ausgemalt, den Kommunismus in Entenhausen. In seiner Geschichte Geld fällt vom Himmel verteilt ein Wirbelsturm den Inhalt des Geldspeichers gleichmäßig über die Stadt. Dagobert gelingt es jedoch, seinen Reichtum zurückzuerwerben, weil er und seine Großneffen Tick, Trick und Track in einer Welt allgemeiner Faulheit als Einzige bereit sind, zu arbeiten. Bis in sein 99. Lebensjahr hinein war Barks in der Lage, seiner Arbeitsethik zu folgen. "Ich würde gerne als Mensch in Erinnerung bleiben, der gute Arbeit geleistet hat", sagte er. "Trotzdem: Ich arbeite nur, wenn ich mich danach fühle - aber das ist dann doch meistens von früh bis spät!"