Markina

Am Sonntag vor dem Begräbnis von Francisco Rementería gehört Markina der Eta. Die ganze Stadt ist heute Kulisse für eine separatistische Totenmesse.

Das blumengeschmückte Kästchen mit der Asche des Verstorbenen ist unter dem ausladenden Säulenvordach des Rathauses aufgebahrt. Darunter und in der engen Gasse drängeln sich Familie, Freunde und Anhänger; viele tragen im Arm die ikurriña, die grün-weiß-rote baskische Flagge, mit einer Trauerschleife in der Mitte. Den Journalisten von der "spanischen Presse" wird bedeutet, man könne "nicht für ihre Sicherheit garantieren", worauf diese den Ort sofort verlassen. Ausländer dagegen dürfen bleiben - auf persönliche Order von Arnaldo Otegi, Sprecher von Herri Batasuna, dem politischen Arm der Radikalen. Mitxel, ein Freund des Verstorbenen, erklärt: "Immer wenn wir ,Gora Euskadi' - es lebe das Baskenland - rufen, schreiben die Spanier, wir riefen ,Gora Eta' - es lebe die Eta." Minuten später recken Hunderte die linke Faust und skandieren ein Dutzend Mal: "Go-ra E-ta mi-li-tar-ra!"

Der verehrte Tote, Francisco Rementería, genannt "Patxi", war mit seinen 39 Jahren ein Veteran des bewaffneten Kampfes, einer der meistgesuchten Terroristen der Separatistenorganisation. 16 Attentate und vier Morde wirft die spanische Justiz ihm vor. Gewaltsam starb dann auch er selber: Am Abend des 7. August explodierte in Bilbao ein Renault mit gefälschten Nummernschildern, in dem Rementería zusammen mit weiteren Aktivisten Waffen und 30 Kilogramm Sprengstoff transportierte. So wuchtig war die Detonation, dass die Polizei erst nach mehrtägigen DNA-Analysen zum Schluss kam, dass nicht drei, sondern vier Personen in dem Wagen gesessen hatten. Da waren bis auf eine Woche 19 Jahre vergangen, seit der 20-jährige Patxi aus Markina seine erste Bombe an einem Elektrizitätswerk im benachbarten Fischerdorf Ondarrua befestigt hatte.

Ein echter eusko gudariak, ein baskischer Soldat eben, sagt José Maria, ein bulliger Rotblonder, Zeremonienmeister und ebenfalls alter Bekannter des Toten. Doch das Menschliche darf auch nicht fehlen: "Er war ein freundlicher Mann, alle mochten ihn." Es folgt der Blitzkatechismus für Nichtbasken: "Wir werden seit 500 Jahren von Spanien unterdrückt, unsere Gebiete in Navarra und Frankreich wurden uns genommen, man verwehrt uns das Selbstbestimmungsrecht, das man inzwischen selbst den Palästinensern zugesteht, und ..." - Und was ist mit der großen Mehrheit jener Basken, die keinen eigenen Staat wollen? "Ein Baske, der spanisch fühlt, kann sich ja frei bewegen." Das ist das Credo der Bewegung: Ein Baske ist ein Baske ist ein Baske, und der will mit anderen Basken unter sich sein. Ansonsten muss er weg. Freiwillig - oder anders.

Das nationalpopulistische Hochamt wird auf der Festwiese zelebriert. Auf einer Stellwand: die Stationen und Reliquien eines Märtyrerlebens. Patxi als scheu grinsender Teenager; mit einer Freundin; im kapverdischen "Exil", wohin ihn die französische Polizei deportieren ließ; der Mitgliedsausweis vom Fußballclub. Zwischen Volkstänzen singen die berühmtesten Sänger der Gegend vor ergriffenem Publikum improvisierte Lobesreime auf den Toten. Vom Tonband klingt die helle Stimme der in Frankreich inhaftierten Eta-Aktivistin Carmen Guisasola, sie liest ein Gedicht für Patxi. Einige kämpfen mit Tränen. José María und Otegi beschwören den gerechten Kampf gegen den spanischen Staat. Zwischendurch flitzt ein Kapuzenträger über die Bühne und hält ein Plakat mit dem Wahrzeichen der Eta empor, eine Axt (Gewalt), von einer Schlange (Schlauheit) umwunden: Jubel, frenetisches Klatschen. Zum Schluss marschiert der Tross - tausend Menschen mindestens - singend und flaggenschwingend um das Städtchen. Von den Bergen ringsum hallt es wider: GO-RA E-TA MI-LI-TAR-RA!

Nicht allen Bürgern Markinas gefällt diese Inszenierung. Schon gar nicht den Inhabern der öffentlichen Gewalt. Gewiss, dieses mittelalterliche 4800-Seelen-Städtchen im ländlichen Herzen des Baskenlandes fühlt seit jeher national, die "spanischen" Parteien hatten hier nie etwas zu melden. Dennoch hat Herri Batasuna nur vier Gemeinderäte, die restlichen sieben sowie den Bürgermeister Angel Kareaga stellen die gemäßigten baskischen Nationalisten. Die Mehrheit also - und die wollte weder Aufbahrung noch öffentliche Feierlichkeiten. "Aber", wie Kareaga später, als der Krach um Markina schon auf den Titelseiten der nationalen Presse prangte, bekannte: "Ich bin kein Held."