Einen anderen Gedanken können die Anstalten nicht fassen. Gerne verweisen sie in diesem Zusammenhang anklagend auf die geringe Zuschauerbeteiligung bei der Verfilmung von Klemperers Tagebüchern; dass die Verfilmung langweilig und töricht war, scheint ihnen für die Publikumsreaktion nicht von Betracht. Langeweile gilt ihnen geradezu als Ausweis von Niveau; deswegen verweisen sie anspruchsvolle Zuschauer auch gerne beleidigt auf arte.

Die Programmmacher können sich immer nur vorstellen, dass der angestrebte Anspruch die Zuschauer verschreckt; nicht können sie sich vorstellen, dass dem Zuschauer der Anspruch vielleicht recht wäre, wenn er nur erfüllt würde. Dass ein ehrgeiziges Fernsehspiel auch witzig sein kann, halten sie offenbar für ebenso ausgeschlossen, wie dass eine Comedy-Serie depressiv stimmen könnte. Ist ihnen jemals der Gedanke gekommen, dass Alf auch intellektuell anspruchsvoller war als die Klemperer-Verfilmung oder eine der tragisch verheulten Kultursendungen?

Jedenfalls rechnen sie fest damit, dass der Durchschnittszuschauer zu einem solchen Urteil niemals kommt. Die in systematische Programmarbeit übersetzte Verachtung des Publikums ist der eigentliche Skandal des öffentlich-rechtlichen Systems. Eine Demokratie lebt davon, dass sie hoch von ihren Bürgern denkt; sie muss ihnen zutrauen, dass sie sich ein qualifiziertes Urteil über Politik und Gesellschaft bilden und in einer Wahlentscheidung niederlegen. Gewiss sind Zweifel an dieser idealen Urteilskraft erlaubt; aber wenn solche Zweifel von öffentlich geförderten Sendern gehegt werden, dann müssen diese ihren öffentlichen Auftrag eben ernst nehmen und das soziale, politische, auch ästhetische Urteil ihrer Zuschauer trainieren.

Tatsächlich tun ARD und ZDF weder das eine noch das andere. Sie vertrauen ihren Zuschauern nicht, und sie fördern sie nicht. Mit ihrem Quotenzynismus arbeiten sie nur an ihrer Entmündigung. Das ist eine Einstellung, die zu einer plebiszitären Diktatur passt, in der man den Bürger gängelt, ablenkt und manipuliert, damit er sich nicht unqualifiziert in das politische Geschehen einmischt. Das Privatfernsehen kann eine solche Verachtung zeigen; es ist dem Markt verpflichtet und nicht der Demokratie. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen aber ist verpflichtet, den mündigen Bürger zu wollen.

Zur Verteidigung seines Programms hat ein RTL-Intendant einmal gesagt: Im Seichten kann man nicht ertrinken. Das ist wahr, die Sender können im Seichten nicht untergehen. Wohl aber kann man den Zuschauer im Seichten ertränken.