Berger wirkt gelöst und aufgekratzt, ganz anders als damals vor fünf Jahren, als er so deprimiert war und unsicher. Damals hoffte er, nach 125 Bewerbungen endlich einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Berger hat den Neuanfang geschafft. Sein Jahresgehalt liegt vermutlich nahe 200000 Mark. Er arbeitet jetzt bei einem großen Zulieferer der Autoindustrie, fährt einen Dienstwagen der Mercedes-E-Klasse. Vor kurzem hat er ein Haus gekauft. Wenn er von seiner Firma spricht, sagt er "wir" und freut sich über jedes neue Produkt. Trotzdem will er nicht mit seinem Namen in der Zeitung erscheinen. Deshalb heißt er hier Berger. Nicht jeder braucht zu wissen, dass er rausgeworfen wurde, damals vor sechs Jahren. Er hat Angst, es könnte ihn noch mal erwischen. Mit 55. Er weiß, dass es dann vorbei ist.

Den Anruf bei seiner Frau wird Berger nie vergessen: "Hol mich ab, ich bin gerade rausgeschmissen worden." An jenem Montagmorgen war Berger zum Vorstand bestellt worden, und man teilte ihm in dürren Worten mit: "Wir wollen den Arbeitsvertrag mit Ihnen lösen." Berger arbeitete damals als Personalchef bei einem Großunternehmen und war zwischen zwei rivalisierende Fraktionen in der Firmenleitung geraten. In den 30 Jahren bis dahin hatte er eine Vorzeigekarriere absolviert: vom Werftarbeiter zum stellvertretenden Hauptabteilungsleiter. Und plötzlich der Schock.

"Ich fühlte mich wie ein Vogel, der im Flug abgeschossen wird", sagte Berger später. Täglich hatte er Bewerbungen gelesen, aber er selbst hatte noch nie eine geschrieben. Der Gedanke, dass man ihn entlassen könnte, war ihm nie gekommen. Doch nicht ihn, Berger.

Die ersten Monate nach dem Rauswurf hat er "einfach verpennt". Hin und wieder eine Bewerbung, pflichtgemäß, und jedesmal die Enttäuschung, dass er nicht genommen wurde. Bald bewarb er sich auf jede Annonce, die er sah. Meist rief er erst mal an und sagte, wie alt er war. Von zehn Angeboten erledigten sich acht schon auf diese Weise.

Materiell ging es den Bergers gut. Sie mussten nicht bei Aldi einkaufen. Die Abfindung würde eine Weile vorhalten, seine Frau hatte Arbeit, war gerade im Erziehungsurlaub und erwartete ihr zweites Kind. Ein drittes, heute anderthalb Jahre alt, sollte folgen. Die Bergers hatten Lust auf Zukunft.

Manchmal, wenn sie abends im Bett lagen und sich streichelten, gingen Berger wieder diese Sätze durch den Kopf. "Sehr geehrter Herr Berger, vielen Dank für Ihre Bewerbung. Leider ..." - "Dann kam wieder diese Scheißangst. Meine Frau sagte dann: Wo bist du jetzt schon wieder?"