In gewisser Hinsicht waren sie die britischen Doppelgänger und zugleich die Gegenfiguren Ernst Jüngers: tapfere Frontoffiziere und hoch dekoriert wie der Träger des Pour le mérite, zur historischen Zeugenschaft berufen und mit einer Passion zur Sprache begabt, die vor dem Grauen nicht versagte. Aber anders als der Deutsche, der die Erfahrung des Leidens und der mechanisierten Vernichtung in seinen Stahlgewittern zum kathartischen Mythos verklärte, hassten sie den Krieg und die Schlächtereien, die sich für sie durch kein patriotisches Pathos und keinen Aufbruch in eine neue Epoche rechtfertigen ließen. Wilfred Owen, wohl der zarteste unter den war poets, sprach in seinen Gedichten (nur fünf wurden zu seinen Lebzeiten gedruckt) von "denen, die wie Schlachtvieh starben" - ermutigt, korrigiert und gestützt von Siegfried Sassoon, dem prominentesten der "Kriegsdichter", dem er 1917 in der Nervenheilanstalt Craiglockhart begegnete. Den beiden bescheinigt Angela Schader (in ihrem Nachwort zum letzten Band der Romantrilogie Pat Barkers), dass der "bittere, negative Idealismus" ihrer Lyrik "weniger gegenwartsfern" wirke als das "fiebrige Kolorit" des deutschen Expressionismus, der das Phänomen des Massensterbens mit einer wild-verbalen Gestikulation auszudrücken versuchte, die radikaler Protest gegen die Realität der Zerstörung, doch zugleich auch ein Rückzug aus jener unerträglichen Wirklichkeit war.

Owen und Sassoon wurden in das schottische Militärsanatorium zur Behandlung der traumatischen Schocks eingeliefert, den sie an der Front - wie so viele - erlitten hatten. Sassoon indes, ein junger Mann von strahlender Schönheit und den blendenden Manieren der verwöhnten Oberklasse, der er entstammte, hatte zuvor einen flammenden Aufruf publiziert, in dem er die Sinnlosigkeit des mörderischen Kampfes und seine zynische Verlängerung durch die Politiker anklagte: ein tollkühnes Unternehmen, das ihn - nach Recht und Gesetz - vors Kriegsgericht und im schlimmsten Fall vor ein Erschießungspeloton befördern konnte. Sein Freund, der Dichter und Romancier Robert (Ranke-)Graves, brachte es zuwege, ihn der Obhut des Psychiaters W.H.R. Rivers zu übergeben, der Sassoon mit sensibler Behutsamkeit und den - damals ungewöhnlichen - Methoden der modernen Psychologie zu heilen bemüht war. Seine quälenden Halluzinationen schüttelte der Rebell freilich erst ab, als er - "aus Solidarität gegenüber seinen Männern" - die Rückkehr an die Front in Frankreich erzwang. Er überlebte. Sein Gefährte Owens fiel bei einer absurden letzten Offensive am Ufer des Oise-Sambre-Kanals: eine Woche vor dem Abschluss des Waffenstillstands.

Dies der dokumentarische Hintergrund der ausgreifenden Erzählung Pat Barkers, die eine gelernte und versierte Historikerin ist. Voller Sorgsamkeit, mit scharfem Blick für das Wesentliche nutzte sie die Archivakten, die Krankengeschichten und die Aufzeichnungen, die Doktor Rivers bei seinem frühen Tod im Jahre 1922 hinterließ. Fallstudien und überlieferte Fakten durchsetzte sie auf virtuose Manier mit dem Geschick fiktiver Charaktere, unter denen die schillerndste und faszinierendste Gestalt der Leutnant Billy Prior ist, der - wie die Autorin selber - von seiner Herkunft aus dem Proletariat des Industriereviers im englischen Norden mit seinen schäbigen Behausungen, der vergifteten Tristesse seines Alltags, der Freudlosigkeit früh gealterter Frauen und der versoffenen Hoffnungslosigkeit seiner Männer geprägt wurde: e ine schwierige Existenz zwischen den Klassen und den Geschlechtern.

Es gibt zunächst ein Rätsel auf, warum Pat Barker, mitten im Zweiten Weltkrieg geboren, sich mit solcher Intensität dem ersten großen Debakel des vergangenen Jahrhunderts zuwandte. Die Trilogie, deren letzter Band Die Straße der Geister (The Goast Road) mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, ist das aufwendigste und anspruchsvollste Werk der längst anerkannten Erzählerin. Die schiere Neugier der Geschichtswissenschaftlerin kann nicht der entscheidende Antrieb gewesen sein, der die Wahl des Stoffes bestimmte.

Wollte sie ihre Landsleute daran erinnern, dass die "Urkatastrophe", die - nach der Formulierung des amerikanischen Diplomaten und Historikers George F.

Kennan - Europa und die Welt zwischen 1914 und 1918 erschütterte, zu lange durch den Glanz von Englands finest hour im Zweiten Weltkrieg überstrahlt worden ist, die in einer unendlichen Folge von Filmen und Fernsehserien, von Romanen und Biografien wieder und wieder gefeiert wurde?

Man vergisst oft, dass die Schlächtereien in Flandern und Nordfrankreich von den Völkern des Vereinigten Königreiches schrecklichere Blutopfer gefordert haben als die Konfrontation mit der Wehrmacht Hitlers. Pat Barker sagt es nicht expressis verbis, aber sie lässt es ahnen, dass dies das eigentliche Motiv ihres Experimentes sein mag: erkennt sie im Ersten Weltkrieg den Ursprung der zweiten Katastrophe, die nicht nur ein Produkt des verratenen und verlorenen Friedens, sondern vor allem der seelischen, der geistigen, der moralischen und sozialen Verheerungen war, die das Entsetzen unter der Generation der Überlebenden - zumal in Deutschland - hinterließ: die Gräuel von Verdun, von der Som me, von den "Materialschlachten", von der Mechanisierung der Zerstörung, von der millionenfachen Vertilgung von Leben, das im Kampf um ein paar Quadratkilometer zum bloßen "Menschenmaterial" degradiert wurde?