Wenn der Zug aus dem Süden kurz in Hamburg-Harburg hält, bevor er die Elbe überquert und in die Station Hamburg-Hauptbahnhof einrollt, steigen nur wenige aus. Die Künstlerin Hanne Darboven zum Beispiel, in der internationalen Kunstwelt ein Name für sich, die am alten Ort der familiären Kaffeedynastie ihr Haus und Studio hat. Und die Professoren und Studenten der Technischen Universität (TUHH), die hier ein munteres Leben entfaltet.

Stellen wir uns vor, dass diese Studenten einmal ins Stadtzentrum fahren und in der Hamburger Kunsthalle vor einer Reihe sorgfältig mit Buchstaben und Ziffern gefüllter Tafeln von Hanne Darboven stehen, der Hohepriesterin der mit den Hieroglyphen des Kommerzes streng durchbuchstabierten Konzeptkunst.

Und sich dann fragen, was diese endlosen Zahlenkolonnen und Tabellen, die doch das Werkzeug des Ingenieurs sind, in der Kunst zu suchen haben. Eine Frage, deren Beantwortung jetzt eine Chance hat. Denn das Fach Humanities, das im neuen Über- und Nebenbau der TUHH, dem Northern Institute of Technology (NIT), zur Ingenieurausbildung dazugehört, bietet auch Kunst, in Theorie und Praxis. Und will vor allem eines: die Augen und Köpfe öffnen für Spielarten des Denkens und Arbeitens jenseits der Technik.

Das NIT ist ein Fall von PPP, von public private partnership. Eine Reihe von großen Firmen und Stiftungen finanziert das 1998 gegründete Eliteinstitut, in dem ein zweijähriger englischsprachiger Masterstudiengang angeboten wird, der mit dem Zertifikat des Global Engineer abschließt. Für dieses Graduiertenstudium werden pro Jahr circa dreißig Studenten aus aller Herren Länder aufgenommen. Aber nur die Besten der Besten, die einen überdurchschnittlich guten Studienabschluss vorlegen und ein anspruchsvolles Aufnahmeverfahren überstehen, werden genommen. Die rund 40 000 Mark, die ein Studienplatz kostet, werden von Firmen finanziert. "Extreme Leistungsbereitschaft" wird dafür von den Studenten erwartet.

Der Einbruch des Humanen in die weltumspannende Klempnerei der globalen Leistungsgesellschaft ist nicht zuletzt Margarete Jarchow zu verdanken. Als Key-Professorin hat sie das Humanities-Programm im Gespräch mit den Harburgern konzipiert und bestreitet es fast als Alleinunterhalterin. Nach Abschluss ihres kunsthistorischen Studiums, der Habilitationsarbeit und einer Zeit als Privatdozentin hatte sie an der mit Stellenabbau beschäftigten Universität keine Zukunft für sich gesehen. Sie streckte die Fühler aus, nahm eine Gastprofessur an der TUHH an und hielt Vorlesungen über Bau- und Stilgeschichte und über Gender-Studies. Zum Juli dieses Jahres erfolgte ihre Berufung - allerdings an die TUHH, in deren Namen die Professorin auch am NIT, das nicht selbstständig berufen darf, tätig ist. Eine schlau-kuriose Verklammerung, durch die beide Institute von dem neuen Fach profitieren, für das sich auch der TUHH-Präsident Christian Nedeß heftig eingesetzt hat.

Die Humanities gehören am NIT zum Pflichtprogramm und sind ein Prüfungsfach.

Sie finden in einer Mischung aus wenigen Vorlesungen, Sonntagsvorträgen, zwei einwöchigen Intensivseminaren und vor allem Wochenendworkshops statt. Das Studium baut sich über vier Semester auf Wissenschaftsgeschichte ist ein Schwerpunktthema, aber auch Ethik, Philosophie, Kunst, Architektur sowie deutsche und europäische Industriegeschichte gehören dazu. Wobei Margarete Jarchow es in jedem Fall darauf ankommt, dass die Studenten etwas, was sie gehört oder gelernt haben, rasch verarbeiten und dann ihrerseits präsentieren können. So konnten die Studenten bei einem Workshop an der Hamburger Hochschule der Künste zunächst selber etwas lernen über Lithotechnik, Farbmischungen, Bilduntergrund. Und dann nach eigener Vorstellung das Gesehene und Gelernte in die Praxis umsetzen.

Ob Kunst, Ethik oder Architektur: In jedem Fall steht am Ende eine knappe Präsentation, eine kleine Prüfung. "Projekte in kurzer Zeit bewältigen", heißt die Devise. Gelernt hat Margarete Jarchow das nicht an der Universität, wo die Dinge länger reifen, sondern im Londoner Auktionshaus Sotheby's. Dort hörten die Volontäre am Vormittag einen Vortrag über Porzellan gestern und heute und mussten am Nachmittag ein imaginäres Porzellanmuseum einrichten.

Ein weiterer Programmpunkt sind die Exkursionen, auf denen man Institute, Museen oder einfach eine Stadt kennen lernt, die ein Stück Kulturgeschichte sichtbar macht. Mindestens eine Exkursion gibt es nach Berlin, nicht nur weil das die Hauptstadt ist, sondern auch weil es dem NIT gelungen ist, Klaus-Dieter Lehmann, von Haus aus selber Physiker und zudem Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, für das kulturwissenschaftliche Programm zu interessieren. Gerade wurde ein Kooperationsvertrag unterzeichnet, in dem die Stiftung die Ressourcen ihrer Sammlungen und Museen für die Studierenden öffnet. So war man nicht nur im Pergamonmuseum, sondern konnte auch das Rathgen-Forschungslabor besuchen, wo Objekte in ihrer Materialität analysiert werden. So hat das NIT einen Nutzen, und die Stiftung gibt das Signal, dass sie ihre Arbeit auch mit neuen Methoden betreiben möchte.

"Wir müssen uns anstrengen", sagt Margarete Jarchow, die ihre Habilitation über Porzellan geschrieben und außerdem drei Töchter zur Welt gebracht hat.

Und fügt, in der ihr eigenen, trockenen Art, gleich den zweiten Teil ihres Credos hinzu: "Wir gehören auch dazu." Womit sie meint, dass die Kunsthistoriker herausgehen müssen aus dem Schneckenhaus ihrer traditionellen Erwartungen und schauen, wo sie sich, jenseits von Universität, Schule oder Museum, einmischen und nützlich machen können. Und damit auch ihren Anspruch anmelden, teilzunehmen an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen.

Die Tatsache, dass die Humanities am NIT Teil des Diploms sind, ist der sichtbare Hinweis dafür, dass in Harburg NIT- Präsident Wolfgang Bauhofer und der Geschäftsführer Jörg Dräger diesen Teil ebenso ernst nehmen wie die Key-Professorin. Aber was versprechen sie sich von den Humanities für die Studenten? "Orientierungshilfe", sagt Jörg Dräger. Die brauchen zum einen die vielen Studenten aus fernen Ländern, denen die westeuropäische Familie ebenso fremd ist wie die Musik und die Architektur oder auch der Zusammenhang politischer Debatten. Sie sollen nicht missioniert werden, aber eine Chance bekommen, sich zu orientieren, ihre knallharte Berufsausbildung in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Und nicht nur sie, sondern auch die anderen Harburger Studenten können lernen, dass in den Geisteswissenschaften, in denen es viele Methoden und offene Ziele gibt, Ergebnisse und Erfolge etwas anderes bedeuten als in den Ingenieurwissenschaften.

Der erste Jahrgang des NIT steht kurz vor der Halbzeit marokkanische, indische, pakistanische, arabische, russische Studenten sowie ein amerikanischer und ein schwedischer Student gehören dazu. Eine marokkanische Studentin hat Theodor Fontane für sich entdeckt und würde gern bei der Stiftung Preussischer Kulturbesitz ein Praktikum machen. Der zweite Jahrgang hat gerade das Studium aufgenommen, diesmal sind viele Südamerikaner dabei.

Im Herbst hält Margarete Jarchow, die auch schon einen Workshop über Kunststoff als Kunststoff im Programm hatte, ihre Antrittsvorlesung über die Königlich Preussische Porzellanmanufaktur.

* Weitere Informationen unter www.nithh.de