Über mangelnde Publizität kann sich der deutsch-polnische Historiker Bogdan Musial derzeit nicht beklagen. Im Jahre 1999 machte er von sich reden, weil er entdeckt hatte, dass es sich bei einigen Fotos in der Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 um Opfer des sowjetischen Geheimdienstes NKWD handelte und nicht um solche der SS oder der Wehrmacht. Daraufhin wurde die Ausstellung zur Überarbeitung zurückgezogen.

Nach diesem Eklat durfte Musials Dissertation Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement einiger Aufmerksamkeit sicher sein. Es handelt sich hier um eine Fallstudie über die Herrschaft der deutschen Kreishauptleute im Distrikt Lublin 1939 bis 1944. Das Buch wurde - auch in dieser Zeitung (ZEIT Nr. 27/00) - als solide gearbeitet rezipiert.

Nun folgt ein weiteres Buch, dem man diese Solidität nicht in gleicher Weise bescheinigen kann. Es blieb nicht einmal Zeit für die Erstellung eines Personen- und Ortsregisters. Schwerer wiegt, dass die Darstellung, zumindest was die Schlussfolgerungen angeht, eher leichtfertig und provozierend geschrieben ist. Schon der Untertitel lässt das Verquere der Argumentation ahnen. Der Autor möchte einen Zusammenhang herstellen zwischen zwei Komplexen, die man bislang mit guten Gründen auseinander hielt: der sowjetischen Besatzungspolitik in Ostpolen zwischen September 1939 und Juni 1941 auf der einen und dem spezifischen Vernichtungscharakter des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion auf der anderen Seite.

Zwei Drittel des Buches sind dem ersten Komplex gewidmet. Durchaus zu Recht sieht Musial hier ein ideales Terrain für einen Vergleich der Politik beider totalitären Systeme, deren Funktionäre große Verbrechen begingen. Während die nationalsozialistischen weithin bekannt seien, wisse man, so der Autor, über die Verbrechen der sowjetischen Kommunisten in Ostpolen bis heute nur wenig.

Zumal im Ostblock war das Thema jahrzehntelang tabuiert. Für den - von einem spezifisch polnischen Antisowjetismus vorgeprägten - Musial steht das Ergebnis des Vergleichs fest: "Zwischen 1939 und 1941 ... war der sowjetische Terror in Ostpolen mit dem NS-Terror im deutsch besetzten Polen vergleichbar, wenn nicht schlimmer."

Musial schildert, dass die Etablierung der sowjetischen Herrschaft mit der Deportation von etwa 340 000 ehemals polnischen Bürgern in das Innere der Sowjetunion verknüpft war. Es gab Verhaftungen und Erschießungen. Der an sich schon arme Landstrich wurde durch die sowjetische Wirtschaftspolitik der Zwangskollektivierung zusätzlich geschwächt. In einem aufschlussreichen Abschnitt des Buches erfahren wir, wie sich die Sowjetisierung Ostpolens auf die polnische, ukrainische, weißrussische und jüdische Bevölkerung des Landes auswirkte, die in diesem Teil Europas schon immer in einem spannungs- und konfliktreichen Verhältnis zusammengelebt hatte.

Musial arbeitet heraus, dass sich die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lage der Polen in gleichem Maße verschlechterte, wie sich die Situation der Juden verbesserte. Analog zur 1917 in Russland durchgesetzten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden sicherte die Besatzungsmacht nun auch den polnischen Juden gleiche Rechte zu. Etliche Juden zeigten ihre Dankbarkeit dadurch, dass sie mit der sowjetischen Administration zusammenarbeiteten. Von den anderen Bevölkerungsteilen wurde diese Kooperation als Kollaboration gedeutet beziehungsweise denunziert, was in Ostpolen zu einem Anwachsen antisowjetischer und antijüdischer Stimmungen führte. Jetzt sei das Stereotyp der "Judeo-Kommune" entstanden.