Zehn Räume sind es. In 562 Holzvitrinen liegen und stehen 1400 Einzelexponate. Alles nur Wachs, redet sich der Besucher ein. Trotzdem ist die Besichtigung der Sammlung La Specola ein bizarrer Trip. Unter die Haut, hinein ins Innere des Organismus Mensch, zu all den Geweben, Knochen, Knorpeln, Organen, Höhlen, Fasern und Knoten, die verpackt in Epidermis, Lederhaut und Unterhautzellgewebe sonst dem Auge verborgen bleiben. Ganze Körper, einzelne Gliedmaßen, quer geschnittene Häupter, Lebern, Milzen, Gebärmütter und abgetrennte Schenkel liegen da in ihrer ganzen Radikalität: minutiös bis ins Detail geformt. Kopfarterien mäandern über den fleischroten Untergrund. Rippen umklammern Weichteile und verschwinden unter gefaserten Muskeldecken. Sich verästelnde Venen umkräuseln Elle, Speiche, Oberarmknochen oder schlängeln über den Rist eines geschälten Fußes, um dann unter dem Hautrest einer perfekt modellierten Zehe zu verschwinden.

Die Illusion ist vollkommen: In La Specola ist die ganze Geografie und Geologie des Körpers zu bestaunen. Ein Relief in Wachs der Lymphsysteme, Sehnengeflechte, Muskeln, dazu der aufklärerische Blick hinein in Hirnmasse und Knochenmark. Auch die Menge macht Eindruck: Nicht ein einzelnes Genitale lockt den voyeuristischen Blick auf die intimen Fasern, es ist eine ganze Armada von Penissen, die da längs geschnitten und erigiert, quer geschnitten und - um den Blick auf blutversorgende Gefäße freizugeben - enthäutet nebeneinander aufgereiht liegen. Da ein halbes Dutzend Gebärmütter mit mehrmonatigen Feten, dort die verschiedenen Darstellungen von Hoden und Nebenhoden.

Die unzähligen Hirnhälften, die im Dutzend lasziv hingestreckten Corpora lassen das irrwitzige Gefühl aufkommen, in einem Menschenmateriallager am Tag der Inventur gelandet zu sein. Die Kollektion, geschaffen vor 200 Jahren von Sezierern und Künstlern, bietet noch heute beängstigend detaillierte Blicke in den hoch komplexen Apparat Mensch. Die Darstellungen reichen vom Embryo in der Gebärmutter bis zum verwesenden Fleisch des an der Pest Verendeten, an dessen faulendem Oberarm sich eine Ratte gütlich tut.

Ein Teil dieser anatomischen Wachsmodelle ist vom Donnerstag nächster Woche an im Deutschen Museum Bonn zu sehen. Erstmals haben mehrere Stücke dieser weltberühmten Sammlung - 34 der insgesamt 1400 - Florenz verlassen. Die Ausstellung La Specola - Anatomie in Wachs im Kontrast zu Bildern der modernen Medizin wird im Rahmen des Wissenschaftssommers Bonn 2000 eröffnet. Die Einzelexemplare vermitteln allerdings nur einen kleinen Eindruck vom besonderen anatomischen Blick, den La Specolazu bieten hat.

Dafür erzielt die von der Kuratorin Susanne Witzgall gestaltete Bonner Ausstellung aber eine neue Qualität. Sie ergänzt den Blick ins wächserne Innenleben mit modernen Darstellungen, wie bildgebende Verfahren sie ermöglichen. Röntgenbilder, Computer- und Magnetresonanz-Tomografien erzählen uns in einer ganz anderen Sprache als die Wachsmodelle vom Geschehen in unserer sterblichen Hülle.

Dank Ultraschall beobachten wir die ersten Salti eines Fetus

Seit Conrad Röntgen am 22. Dezember 1895 die so genannten X-Strahlen durch die Hand seiner Frau auf eine Fotoplatte jagte, ist es möglich, humanes Innenleben zu erforschen, ohne den Tod eines Zeitgenossen abwarten zu müssen. Mithilfe der Gastroskopie lugen wir durch den Zwölffingerdarm. Mit Positronen-Emissionstomografie spähen wir auf das Gehirn bei der Arbeit. Und dank Ultraschall können wir schon die ersten Sprünge und Salti des heranwachsenden Fetus beobachten. Doch all diese Verfahren vermitteln letztlich nur dem Experten konkrete Information. Für sich genommen, ergeben diese Details aus dem lebenden Innern keinen Eindruck vom ganzen Körper.