Es ist nicht nur das billige Essen, das Hinze und seine Exkommilitonen hierher lockt, es ist auch die Erinnerung an eine bessere Zeit: Er vermisse die "geistige Herausforderung" des Studiums, sagt Anton Hinze. Neben seinem Tablett liegen sieben Tageszeitungen, von Junge Welt bis Junge Freiheit, von links bis ganz rechts. Gleich wird er sich noch kurz in die Unibibliothek setzen, um politische Aufsätze zu lesen.

Die Studienzeit - damals schien noch alles denkbar. Fragen wie "Wer macht Karriere? Wer will Kinder und Familie? Wer wird arbeitslos?" waren ein paar Semester entfernt; alle waren einfach Studenten, das einte. Viele verklären ihr Studium in der Rückschau, vergessen die überfüllten Vorlesungen, die Jobberei, den sadistischen Prof - so wie Hinze oder auch der 28-jährige René Traub*, der seit einem Jahr als Unternehmensberater arbeitet, aber partout nicht aus dem Studentenwohnheim ausziehen will. Sein schickes neues Büro komme ihm vor wie ein Gefängnis, sagt Traub. "Wenn ich im Wohnheim oder in der Mensa bin, kann ich mir kurz einbilden, ich wäre noch Student und könnte machen, was ich wollte." Einige kommen aus Nostalgie, andere aus Pragmatismus: An der Uni ist es warm, billig - und sie ist für alle offen. "Ein Refugium für unruhige Geister, in dem sich Lebensentwürfe ausprobieren lassen", formuliert es Dirk Baeker, Professor an der Universität Witten-Herdecke.

In der Mensa der Ludwig-Maximilians-Universität sitzen Straßenmusikanten aus Peru, "weil die Mädchen hier so hübsch sind", in der Cafeteria trifft sich jeden Freitag eine Runde Iraner, "weil wir alt werden und unter jungen Leuten sein wollen". Zwar müssten sie alle eigentlich einen Studentenausweis vorlegen, um eine Essenmarke zu bekommen, aber die Frauen an den Verkaufsständen drücken beide Augen zu. "An der Mensa der Technischen Universität haben wir jetzt Chipkarten eingeführt, die nur Studenten bekommen", sagt Achim Rosch, der beim Studentenwerk für das Referat Ernährung zuständig ist. "Aber diese Mensa hier soll weiterhin für alle da sein, das hat Tradition."

Der Mann mit dem Reifrock gehört irgendwie dazu

Die Münchner Jurastudentin Ute nervt es manchmal, dass jeder in die Uni darf, "auch die ganzen Leute mit Dachschaden", aber: "Wo sollen die denn sonst hin?" Die Universität als Zufluchtsstätte für die, die woanders nicht mehr klarkommen, als Biotop für Obdachlose und Ausgetickte. Keiner dreht sich mehr um, wenn der Mann mit Außenzahnspange, Reifrock und silbrigen Engelsflügeln in der Cafeteria der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität seine Trinkschokolade schlürft. Er gehört irgendwie dazu, genauso wie der hechelnde Typ im Hundekostüm. Jeder Uni ihr Unikum: In Köln gibt es die alte Frau, die in der Bibliothek sämtliche Duden-Ausgaben von vorn bis hinten liest. In Mainz den abgerissenen Typen, der den Studenten in der Mensa erst den Finger ins Essen stippt, um dann mit dem Satz "Das isst du doch jetzt nicht mehr, oder?" den Teller zu sich rüberzuziehen. In Duisburg säbelt "Rudi Krause" in Seminaren mit einem Buschmesser an einer Salami herum oder brüllt los: "Seht ihr auch den rosa Elefanten dort fliegen?" In Bielefeld lief jahrelang Flitzer Ernie herum, der seinen Körper zum Kunstwerk erklärt hat. Als Ernie splitternackt den Weltkongress der Soziologen besuchte, erteilte ihm die Uni Hausverbot.

Wolfgang Busch, Kanzler der Goethe-Universität in Frankfurt, hat einen Sicherheitsdienst beauftragt, gegen Leute vorzugehen, "die bei uns auf dem Campus rumsauen und Leute anmachen". Vor der Mensa sitzt ein Sicherheitsmann, ein anderer passt auf, dass sich Junkies auf den Toiletten keinen Schuss setzen, Obdachlose nicht ihre Wäsche in den Toiletten waschen. Vor allem Großstadtunis wie Frankfurt, Hamburg und Berlin haben Probleme mit Drogensüchtigen und Obdachlosen. Die werden aus Einkaufspassagen, U-Bahnhöfen und Parks verjagt, der Unicampus ist ihr Ausweichquartier. Gerd Iben, Pädagogikprofessor in Frankfurt, beschaffte für einen psychisch kranken Obdachlosen, der freiwillig keine Wohnung betritt, einen Wohnwagen, der jetzt auf dem Sportgelände der Uni steht. "Die Hochschule muss ein liberaler Raum bleiben - nicht nur ein Durchlauferhitzer für Studenten, die hier möglichst schnell ihr Pensum durchziehen", so Ibens Philosophie.

Von "schnell durchziehen" kann bei den meisten Studenten keine Rede sein, der Trend geht zum Langzeitstudium: Schon der Durchschnitts-Student ist 29 Jahre alt, wenn er seinen Abschluss macht. Und der Anteil der Langzeitstudenten, die mehr als 14 Semester an der Hochschule sind, ist dreimal so hoch wie noch vor 25 Jahren. In Baden-Württemberg müssen all jene, die länger als 13 Semester studieren, seit zwei Jahren Gebühren von 1000 Mark pro Semester zahlen - seitdem ist die Zahl der Bummler um 40 Prozent gesunken. Stephan Krupowska hält solche Maßnahmen für falsch. Für ihn ist die Universität Kiel "Hauptwohnsitz und Lebensmittelpunkt" - und das seit über 23 Jahren. 47 Semester hat Krupowska hinter sich gebracht, aber immer noch kein Examen. Sein Beruf: Asta-Vorsitzender an der Uni Kiel. Außerdem engagiert sich der 46-jährige Familienvater in der Gruppe der Langzeitstudenten an der Uni Kiel, dem Buena Vista Uni Club. Mit Slogans wie "Alle Macht den Späten. 595 Semester können nicht irren" kandidierte die Gruppe erfolgreich fürs Kieler Studentenparlament. Stephan Krupowska betont, dass fast alle Langzeitstudenten nebenher arbeiten und Steuern zahlen. "Und an der Theaterkasse zeige ich meinen Studentenausweis nicht vor, das wäre mir dann doch zu peinlich." Natürlich gebe es bei Langzeitstudenten auch tragische Fälle: "Da schafft man nach über 20 Jahren endlich die Magisterarbeit, und dann stirbt der Professor."