Ich ging auf ein konservatives katholisches Gymnasium in einem Vorortbezirk von Wien. Es war eine reine Jungenschule. Hier zählte nur Stärke. Ich war klein, schwächlich, aber raffiniert und konnte überzeugen. In dieser Gang aus vier, fünf Jungs habe ich mir durch Macho-Gehabe Respekt verschafft. Doch als uns die Kriminalbeamtin abholte, kapierte ich, dass ich zu weit gegangen war: Ich musste die Schule verlassen und wurde zudem wegen meiner miesen Noten nicht versetzt. Mein Vater gab mir eine letzte Chance und drohte, mich sonst in eine Polstererlehre zu stecken.

In den Ferien paukte ich für eine Zusatzprüfung, um die Versetzung nachzuholen. Das gelang, weil mein Vater mir in meinem schwächsten Fach, in Latein, Nachhilfe gab. Ich kam auf die Stubenbastei-Schule im I. Bezirk, dem Viertel der Intellektuellen. Die Schule hatte gemischte Klassen, war damals ultrarot und fortschrittlich - man konnte sogar Russisch als Wahlfach belegen. An der alten Schule war unter den Schülern anerkannt, wer brutal war.

Hier fand ich andere Vorbilder. Meinen Deutschlehrer zum Beispiel, einen ehemaligen Nazi, der bereute und darüber mit uns diskutierte. Mein Vater überredete mich, in die sozialistische Partei einzutreten, weil er glaubte, Zielvorgaben und regelmäßige Parteitreffen würden mir Halt geben. Das Konzept ging auf. Mit 17, 18 war ich Vorsitzender der Bezirksgruppe der Partei und blieb bis zum Abitur aktiv. Ich wurde Klassensprecher, ein guter Schüler und war beliebt.

Und ich entdeckte meine Leidenschaft für die Literatur, habe Buchkritiken geschrieben, kleine Erzählungen und Gedichte. Brauchbar, nicht wirklich gut. Die Sachen wurden in einer Wiener Literaturzeitschrift veröffentlicht - sogar gegen Honorar. Ich glaubte meinen künftigen Beruf gefunden zu haben und begann, Germanistik zu studieren. Es war eine Katastrophe. Langweilig, das Niveau war niedriger als am Gymnasium, und die Texte wurden zerfranst und zerlegt, bis nichts übrig blieb.

Von großer Bedeutung für meinen Berufsweg war dann eine Pflichtvorlesung für das Philosophikum, Einführung in die Psychologie von Hubert Rohracher. Er war Psychologe, aber Antifreudianer und Positivist und las über Gehirn und Verhalten - mit tiefenpsychologischer Psychotherapie hatte er nichts im Sinn. Das hat mir imponiert. Ich ließ die Germanistik sein, belegte Psychologie im Hauptfach, dazu Kunstgeschichte aus Interesse und Statistik zur wirtschaftlichen Absicherung, denn Psychologie war damals noch eine brotlose Kunst. Das Studium - reine Theorie.

Als 1969 etwas verzögert die Studentenbewegung in Wien ankam, war ich Assistent bei Rohracher und zählte zu denen, die besonders aggressiv agitierten; Teach-Ins, Protestnoten, politische Veranstaltungen. Rohracher war uns gegenüber aufgeschlossen - anders als seine jungen Oberassistenten, die zwischen Doktorat und Professur standen. Diesen hat unser Einsatz und die Kritik an ihren Vorlesungen nicht gepasst. Als Rohracher in Pension ging, wurde ich von einem der Oberassistenten gefeuert.

Das brachte mich in eine schlimme Lage: Gerade promoviert, stand ich auf der Straße. Wer in Österreich aus politischen Gründen irgendwo rausfliegt, kriegt in diesem Land nirgendwo wieder einen Fuß auf den Boden. An zwei psychiatrischen Kliniken in London konnte ich ein paar Monate lang Verhaltenstherapie lernen. Das führte mich nach München, weil der Psychotherapeut und Tiefenpsychologe Albert Görres das Angebot an seinem Institut erweitern wollte. Fünf Jahre habe ich dort therapiert, was das Zeug hielt, mich parallel dazu habilitiert und dann 1975 den Ruf als Ordinarius für Klinische und Physiologische Psychologie in Tübingen angenommen. Danach begann die eigentlich produktive Zeit.