Genscher: Guten Morgen.

Simon: Wenn Sie sich an all die Bedenken erinnern, Herr Genscher, an die Ängste, die einem größeren Deutschland von Seiten der Sowjets, aber genauso von Seiten der Verbündeten Frankreich und Großbritannien entgegengebracht wurden, wie hat es dann schließlich doch zu diesem für Deutschland so großzügigen Vertrag kommen können? Lag das nur an den Amerikanern?

Genscher: Man darf vielleicht nicht verallgemeinern. Die Amerikaner haben ganz eindeutig die deutsche Einheit von Anfang an unterstützt. Das war besonders wertvoll für uns. Aber auch Präsident Mitterand hat keinen Zweifel daran gelassen und mir das am 29. November 1989 schon gesagt, dass er die Einheit Deutschlands für eine historische Notwendigkeit hielte. Ihm ging es darum, dass dieses vereinte Deutschland den europäischen Weg fortsetzt, der von der Bundesrepublik Deutschland beschritten war. Das war für uns ja kein Problem. Das war das Ziel der Bundesregierung und aller demokratischen Parteien im deutschen Bundestag. Distanziert zur Vereinigung stand in der Tat die britische Premierministerin, wobei ganz deutlich wurde, dass das nicht eine in Großbritannien allgemein geteilte Meinung war. Außenminister Hurd war ganz eindeutig für die deutsche Vereinigung und die damalige Labour-Opposition hat das auch im Unterhaus zum Ausdruck gebracht.
Was die Sowjetunion angeht so steht heute fest, dass für Gorbatschow und Schewardnadse die ganz eindeutige Haltung der Deutschen in der DDR, die ja sowohl in den Demonstrationen, aber dann auch in der ersten freien Wahl am 18. März 1990 zum Ausdruck kam, bestimmend war. Man wollte sich nicht wie früher einer Freiheitsentwicklung entgegenstellen, sondern dem Willen des Volkes Rechnung tragen. Damit kommen wir zum Kern der Lösung der deutschen Frage. Vollendet ist die deutsche Einheit am Ende durch die ganz klare Willensäußerung und die Freiheitsrevolution der Deutschen, aber das machte natürlich die Verhandlungen über diesen Vertrag 2+4, das heißt die beiden deutschen Staaten verhandeln mit den vier Alliierten, den vier für Deutschland als ganzes verantwortlichen Mächten, und nicht diese über den Kopf der Deutschen hinweg. In der Sache waren das komplizierte Verhandlungen. Es musste ja geklärt werden einmal das Recht Deutschlands, in der NATO zu bleiben. Da konnten wir uns auf die Schlussakte von Helsinki berufen, wo ein solches Recht der freien Bündniswahl verankert war. Es war klar, dass es eine eindeutige Festlegung der deutschen Ostgrenze geben musste. Da wurde nichts aufgegeben, denn Hitler hatte die deutschen Ostgebiete durch seinen verbrecherischen Krieg verspielt. Aber dennoch bedurfte es hier eines Vertrages und der moralischen Grundlage des vereinten Landes entsprach es, dass wir unseren Verzicht auf Massenvernichtungswaffen noch einmal bekräftigten.

Simon: Herr Genscher, Sie haben das eingangs ein bisschen zur Seite gewischt. 1990 blickte man immerhin auf 41 friedfertige Jahre Bonner Republik zurück. Auch wenn Sie sagten, es waren differenzierte Meinungen bei unseren Verbündeten, es gab schon ziemlich viel Misstrauen, was Deutschland entgegenschlug von Seiten, wo man es nicht vermutet hatte. Ich nannte Frankreich und Großbritannien, aber auch Nachbarn wie Niederlande und Dänemark waren dabei. Hat Sie das persönlich enttäuscht?

Genscher: Nein. Ich muss noch einmal sagen, für mich wurde durch Präsident Mitterrand und den französischen Außenminister ganz klar, dass sie die Einheit wollten. Sie wollten nur nicht ein Deutschland, das den Einigungsprozess in Europa aufhält oder gar verlässt. Das habe ich aber nicht als Belastung empfunden. Das war ja unsere Meinung. Was Dänemark angeht: Dort gab es unterschiedliche Meinungen. Der dänische Außenminister war ganz eindeutig dafür; der damalige Premierminister Schlueter hatte Bedenken. Aber alle diese Bedenken konnten überwunden werden, weil am Ende ja etwas ganz wichtiges geschah, nämlich dass es eine Freiheitsrevolution gab, nicht nur in der DDR, sondern in Polen, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, im ganzen sowjetischen Machtbereich. Die wurde nicht mehr niedergewalzt wie früher. An dieser Freiheitsrevolution, die ja eine europäische war, waren die Deutschen beteiligt. Vielleicht ist noch nicht voll überall erkannt worden, was es für das ganze Deutschland bedeutete, dass Deutsche an dieser Freiheitsrevolution beteiligt waren. Das ist das sehr kostbare Geschenk, das die Deutschen aus der damaligen DDR mit ins vereinte Land brachten, nämlich selbst und friedlich errungene Freiheit. Das wurde hoch anerkannt, und ich denke, dass heute jeder weis: was damals geschah war der richtige Weg, auch wenn es dabei Schwierigkeiten gab. Aber die haben wir wegen des großen Zieles gerne auf uns genommen.

Simon: Wenn Sie heute zurückblicken, selbst wenn man die Milliarden einrechnet, die nach dem Krieg direkt an einzelne Länder gingen, und dann noch mal die Milliarden nach 1990, ist Deutschland eigentlich nicht unerhört billig zu einem Frieden und zur Wiedervereinigung gekommen, wenn man bedenkt, welchen Schaden unser Land vorher angerichtet hat?

Genscher: Billig würde ich nicht sagen. Es sind ja doch ganz erhebliche Leistungen geleistet worden. Natürlich war die Aufgabe auch der deutschen Ostgebiete, das heißt die Definition, für viele Menschen in Deutschland ja ein schweres Opfer. Hitler hatte das verspielt. Aber trotzdem bedeutete dies für viele Menschen so etwas. Ich würde also nicht leichtfertig von billig sprechen.