Was aber den Islam und die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis zwischen der Gemeinde und dem Recht des Individuums in seiner modernen Auffassung betrifft, kann man feststellen, dass diese beiden Begriffe, religionsphilosophisch betrachtet, keinen Gegensatz bilden. Demnach ist es möglich, eine Gemeinde zu bilden, in der die allgemeinen Ziele der Religionsgemeinschaft verwirklicht und gleichzeitig die Rechte des Individuums gewahrt, ja, sogar weiter ausgebaut und verstärkt werden. Um diese Behauptung zu belegen, werde ich zunächst die Auffassung des Koran und des Islam im Allgemeinen vom Begriff der Gemeinde her erläutern und mich danach mit der Stellung des Individuums und seiner Rolle als Muslim und Nichtmuslim auseinander setzen.

Wenn im Koran von der Gesellschaft als Gemeinde gesprochen wird, deutet dies auf die Absicht, die Gläubigen unter einer allgemeinen, allen gemeinsamen Bezeichnung zu sammeln und ihnen damit eine Art Identität und Selbstverständnis zu verleihen. Es versteht sich von selbst, dass dies ohne Einheit nicht möglich ist. Das Wort Omat, Gemeinde, das von Om, Mutter stammt, bringt diese allgemeine Einheit zum Ausdruck. So interpretiert, bilden alle Muslime, gleichgültig an welchem Ort der Erde sie sich befinden, eine Einheit.

Es gibt zahlreiche Faktoren, die die Menschen in dieser Gemeinschaft miteinander verbinden - unter anderem die Glaubensgrundsätze und Gebote sowie der Glaube an die Einheit Gottes, an einen gemeinsamen Ursprung der menschlichen Abstammung ungeachtet der Rassenzugehörigkeit, der Glaube an Mohammed als Gesandter Gottes und Überbringer des heiligen Korans und schließlich der Glaube an das Gebet und die Rituale (wie Beten, das gemeinsame Freitagsgebet, Pilgerfahrt nach Mekka und Ähnliches). Vielleicht kann die jährlich stattfindende Versammlung der Pilger in Mekka als ein Symbol der islamischen Gemeinde betrachtet werden. Hier werden alle Unterschiede zwischen Metaphysik, Diesseits und Jenseits, Rassen, Hautfarbe, Privilegien und Ungleichheiten und sonstigen Dualitäten aufgehoben, und es entsteht eine Gemeinschaft, in der die Einheit alle Wege, Ziele und Ideale der Menschen beherrscht. Nach islamischer Auffassung gleicht die Gemeinde einer Region, in der Gerechtigkeit und Freiheit herrschen und in der sich alle Reisenden bei gleichzeitiger Wahrung ihrer eigenen Individualität in dieselbe Richtung bewegen.

Mit Begeisterung schenkt der Gläubige Gott sein Herz

Trifft es zu, dass das Individuum in der islamischen Gemeinde seine Identität und seinen Willen zu freier Entscheidung verliert? Keineswegs, denn trotz der Bedeutung, die der Islam der Gemeinde beimisst, wird das Individuum nicht übersehen. Im Gegenteil, im Grunde basiert die Gemeinde auf Individualität, das heißt, das Individuum bildet den Grundstein der islamischen Gemeinde.

Um diese Behauptung zu belegen, kann man von dem Begriff Glauben ausgehen, was den ersten Schritt zu islamischer Gläubigkeit und deren Angelpunkt bildet. Der Glaube bedeutet die Entdeckung der Existenz Gottes im Menschen selbst und die bewusste und leidenschaftliche Liebe zum Wesen des Allmächtigen. So gesehen ist der Glaube mehr als alles andere eine Angelegenheit des Individuums, denn er kann sich nur im tiefsten Innern des Menschen vollziehen. Dementsprechend richten sich die Worte Gottes an einzelne Menschen. Er fordert jeden Einzelnen auf, den Glauben anzunehmen, um selig werden zu können. Waren nicht die Propheten die ersten, die dem Ruf Gottes folgten und haben auch sie sich nicht zunächst an einzelne Individuen gewandt?

Im Islam erfolgt der Glaube aufgrund der bewussten Entscheidung, der Leidenschaft und der Liebe. Das bedeutet, dass der Gläubige Gott entdeckt, und da er ihn als Inbegriff der absoluten Schönheit und der Güte anerkennt, schenkt er ihm mit Begeisterung sein Herz und bezeugt ihm durch Gefolgschaft und Gebet offen seine Liebe. So betont der Koran immer wieder, dass der Glaube Folge einer bewussten, freien Entscheidung ist, und noch wichtiger, Folge einer leidenschaftlichen Liebe. Wenn der Glaube so zustande kommt, ist er selbstverständlich erstens individuell, weil er in einzelnen Individuen entsteht, und zweitens ist er nicht einseitig, denn so wie das Individuum sich für Gott entscheidet und ihn liebt, entscheidet sich Gott für jeden einzelnen Menschen und gewährt ihm seine Liebe. In einem solchen Verhältnis zwischen Gott und Menschen, das von Liebe und Glauben geprägt ist, erhält das Individuum in der islamischen Gemeinde die ihm gebührende Anerkennung, welche zeitlebens andauern, sich weiterentwickeln und immer höhere Stufen erreichen kann.

Ein weiterer Hinweis für die Akzeptanz des Individuums im Islam ist in der Verantwortung zu sehen, die jeder Gläubige gegenüber Gott, der Gemeinschaft und sich selbst zu tragen hat. Der Koran erwähnt oft, dass die Gläubigen für ihr Denken und Handeln verantwortlich sind, und warnt diese davor, dass sie für ihre Entscheidungen Rede und Antwort stehen müssen. Würden die Menschen sich so weit in der Gemeinde auflösen, dass sie ihre Individualität, Identität und ihre Entscheidungsfreiheit aufgeben, könnten sie nicht für ihr Handeln verantwortlich sein.

Auch historisch betrachtet ist festzustellen, dass der Islam zu Beginn seiner Entstehung bemüht war, die Position des Individuums in der arabischen Stammesgesellschaft zu stärken, um schließlich die Struktur der Stämme durch eine Gemeinschaft von Individuen zu ersetzen. Es ist bekannt, dass einzelne Individuen innerhalb der Stammesordnung keinerlei Rechte zu selbstständiger Entscheidung besaßen. Das Schicksal der Mitglieder lag in der Hand des Stammesführers, der die Seele des Stammes bildete und auch die Gesetze erließ.

Die Auflösung des Individuums in der arabischen Stammesgemeinschaft ging so weit, dass die gesamten Mitglieder als eine Einheit betrachtet wurden. Wenn ein Stammesmitglied das Mitglied eines anderen Stammes tötete, galt sein Stamm insgesamt als Mörder und alle Stammesbrüder des Getöteten betrachteten sich selbst als Vormund und somit zur Blutrache berechtigt. Der Islam zerstörte bewusst diese Ordnung und ersetzte die Grundlagen der Einheit wie Blutsverwandtschaft und sonstige rassische und erbliche Bindungen durch Menschlichkeit, Gnade und Toleranz, Glauben und Gerechtigkeit. Zugleich verlieh er dem Individuum das Recht zu eigener Entscheidung, zur Freiheit, zum Besitz und machte ihn für sein Handeln verantwortlich.

Somit entspricht der erste Paragraf der Konvention der Menschenrechte von 1948, der alle Menschen als gleichberechtigt betrachtet und ihnen gleiche Naturrechte zugesteht, voll und ganz den Grundsätzen des Islam. Niemandem darf ein Recht per Befehl oder Gewalt verwehrt werden. Es besteht demnach kein Zweifel darüber, dass innerhalb einer einheitlichen Glaubensgemeinschaft, trotz gemeinsamer Lebensgrundsätze und Zielsetzungen, die Rechte der Individuen unangetastet bleiben müssen. Denn der freie Wille, das bewusste Handeln und die freie Entscheidung bilden die Basis des Glaubens.

Aus diesem Grund widerspricht jedes Gesetz und jede religiöse Anweisung (Fatwa), die gegen den Grundsatz der freien Entscheidung und die verbrieften Rechte des Individuums gerichtet ist, dem Grundsatz des Glaubens. Selbst wenn in einer besonderen Situation und im Hinblick auf die periodische Entwicklung der Gesellschaft gewisse Bestimmungen erlassen worden sind, die auf die Rechte des Individuums einschränkend wirken konnten, müssen diese, sobald sich die Verhältnisse geändert haben, revidiert, beziehungsweise aufgehoben werden.

Bleibt nun die Frage, welche Rechte jene Gesellschaftsmitglieder besitzen, die der islamischen Gemeinde nicht angehören? Obwohl das islamische Recht, das durch historische Wandlungen zustande gekommen ist, zahlreiche Einschränkungen für Andersdenkende vorsieht, muss aus den bisher erfolgten Ausführungen der Schluss gezogen werden, dass in einer modernen Gesellschaft für alle Individuen das Recht der Wahl auf allen Ebenen und in allen Bereichen gewahrt bleiben muss. Niemandem dürfen die gesellschaftlichen und individuellen Rechte verwehrt werden, nicht einmal mithilfe von legalen Gesetzen und Verordnungen. Denn damit würden Verweigerung, Zwang und List erzeugt, Eigenschaften, die ohne Zweifel dem Glauben und den Grundsätzen einer Glaubensgemeinschaft widersprechen. Demzufolge befindet sich das Gesetz, das die Tötung von Renegaten als Recht betrachtet, im Widerspruch zu den Grundsätzen des Glaubens. Genau aus demselben Grund bin ich der Ansicht, dass die Religion vom Staat getrennt sein muss. Der Staat muss sich gegenüber dem Glauben und dem Denken einzelner Individuen oder Gruppen neutral verhalten. Nur so ist er in der Lage, die zivilen Rechte aller Bürger zu schützen.

Im islamischen Denken besteht zwischen dem Individuum und der Gesellschaft ein dialektisches Verhältnis, sodass unabhängig davon, ob die Gemeinde sich international, regional oder national etabliert, die Rechte der Individuen unangetastet bleiben und die Vielfalt trotz Einheit Anerkennung findet. Man kann deshalb sagen, dass die islamische Gemeinde, die unter der Bezeichnung Glaubensbrüderschaft im Koran erwähnt wird, auf internationaler Ebene ihre Einheit im gemeinsamen Glauben und in gleichen Zielsetzungen findet, während sie auf nationaler und lokaler, auch auf staatlicher Ebene unterschiedlich geprägt ist. Denn im Rahmen des Staates und der gesellschaftlichen Verwaltung sind zivile Bürgerrechte maßgebend, nicht religiöse Vorschriften. Wie sonst könnten Muslime, wenn sie diese Ansicht nicht vertreten würden, erwarten, dass sie in nichtislamischen Ländern als Angehörige des islamischen Glaubens akzeptiert werden. Die Weiterexistenz der Glaubensgemeinschaft ist logischerweise nur dann möglich, wenn die Rechte aller Individuen akzeptiert werden.

Diese Auffassung von einer islamischen Gemeinde, die ich hier zu erläutern versucht habe und deren Verhältnis zur Freiheit des Individuums, Staat und Gesellschaft, ist mehr oder weniger neu. Sie weicht natürlich von den noch herrschenden Vorstellung unter den Muslimen weit ab.

H. Y. Eshkevari wurde 1950 in Eshkevar/Iran geboren. Er besuchte die Theologieschule in der heiligen Stadt Ghom, war schon zur Schah-Zeit politisch aktiv und mehrmals in Haft. Nach der Revolution wurde er als Abgeordneter ins Parlament gewählt. Eshkevari, Autor zahlreicher Bücher und Leiter des Shariati-Kulturzentrums, ist einer der exponiertesten Islamforscher. Er war einer der 17 Gastredner bei einer Irankonferenz, die im April dieses Jahres von der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin veranstaltet wurde. Nach der Konferenz erließ die iranische Justiz Haftbefehl gegen sämtliche Teilnehmer. Bei seiner freiwilligen Rückkehr wurde Eshkevari verhaftet und ins berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis gebracht. Er bedarf dringend fachärztlicher Hilfe; Freunde sehen seine Gesundheit in Gefahr.

Deutsch von Sonia Seddighi