In den sechziger Jahren kostete der Dollar 4,00 DM, das war damals der feste Wechselkurs. Ab 1969 fiel der Dollar zehn Jahre lang, aber dann stieg er wieder fünf Jahre lang, im Jahr 1985 bis auf 3,45 DM. Anschließend fiel der Dollar wieder zehn Jahre lang, der Tiefstpunkt im Jahre 1995 lag bei 1,38 DM - ein Albtraum für die deutsche Exportwirtschaft. In den vergangenen fünf Jahren stieg der Dollar wieder, Anfang dieser Woche stand er bei 1,13 Euro, das heißt: bei 2,20 DM.

Na, und? Sind 2,20 DM etwa eine Katastrophe für uns oder für den Euro und Wim Duisenberg, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank? Waren denn 3,45 DM eine noch größere Katastrophe für die Deutsche Mark oder für Kohl und den damaligen Bundesbankchef Pöhl? Waren denn 1,38 DM eine Katastrophe für Clinton und den Dollar?

Freunde, hört auf mit dem Gejammer! Den Herren Koch, Rüttgers und Genossen, leider auch Frau Merkel, ist zu empfehlen, das Auf und Ab der Kurve zu studieren, ehe sie sich das nächste Mal als Währungssachverständige aufspielen.

Die DM-Dollar-Kurve (in Wirklichkeit seit 18 Monaten eine Euro-Dollar-Kurve) lässt seit 1995 bis heute keine Trendänderung erkennen. Kein Grund, sich aufzuregen. Wer heute den Euro schlechtredet, der spielt bloß jenen Finanzmanagern in die Hände, die bei jedwedem Auf oder Ab verdienen, vor allem jenen Managern, die auf steigende Dollar- und Dollar-Aktienkurse spekulieren.

Die Finanzspekulation und der Herdentrieb der Händler bestimmen heute im Ergebnis die Wechselkurse; der Einfluss von Warenexport und -import spielt nur noch eine ganz geringfügige Rolle. Die Vereinigten Staaten haben ein sagenhaftes Handelsdefizit, es wird bezahlt mit einer zusätzlichen Auslandsverschuldung der amerikanischen Wirtschaft in Höhe von jährlich rund 400 Milliarden US-Dollar netto. Der amerikanische Boom wird also zu einem erheblichen Teil vom Kapitalimport aus dem Rest der Welt finanziert. Japanische und südostasiatische, europäische, mexikanische und brasilianische, sogar russische Kapitalien werden in Amerika angelegt, weil dort Kursgewinne und höhere Zinsen winken; darunter ist auch ein erheblicher Anteil Fluchtkapital. Dieser Trend kann durchaus noch einige Jahre andauern. Es könnte aber auch morgen einen Börsenzusammenbruch in New York geben. Auch andere Ereignisse könnten die Psychologie der Finanzmanager umkippen lassen.

Als vor zwei Jahren der Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM drohte, der mehr als 100 Milliarden Dollar fremder Gelder spekulativ angelegt hatte, ist er von der amerikanischen Zentralbank (unter Mithilfe einiger privater Banken und privater Steuerzahler, auch deutscher!) gerettet worden; hätte man ihn Pleite gehen lassen, so hätten die Dominoeffekte eine Trendumkehr auslösen können. Hätte der Weltwährungsfonds mit seinen Hilfspaketen "für Russland", "für" Südostasien, Mexiko und so weiter nicht in Wahrheit die spekulierenden Banken im Westen der Welt gerettet, so hätte sich der Trend vermutlich umgekehrt. Wohlgemerkt: "hätte" - hat aber nicht.

Niemand weiß, wie lange der Boom anhalten wird. Niemand weiß auch, wie lange die heutige Ölpreisexplosion anhalten wird, welche das Opec-Kartell der Welt beschert hat. Die Euro-Inflationsrate von derzeit 2,4 Prozent ist zur Hälfte von den hohen Öl- und Energiepreisen verursacht. Die Europäische Zentralbank tut recht daran, auf den vergeblichen Versuch zu verzichten, durch massive Verknappung der Euro-Geldmenge die Öl- und Erdgaspreise nach unten zu drücken. Sie tut auch recht daran, den vergeblichen Versuch zu unterlassen, durch massive Verknappung der Euro-Geldmenge den Wechselkurs des Dollar zu drücken. Denn ihre Aufgabe heißt innere Stabilität der Währung, auf Deutsch: Stabilität der Lebenshaltungskosten. Die Lebenshaltungskosten sind in den vergangenen anderthalb Jahren (das heißt seit Beginn des Euro) mit Ausnahme der Öl- und Gaspreise weniger gestiegen als vorher in den neunziger Jahren die DM-Inflationsrate. Die Europäische Zentralbank hat bisher ihre Aufgabe gut gelöst: Die reale Kaufkraft unserer Löhne, Gehälter und Sparguthaben war bisher stabiler als zu DM-Zeiten.