Das Meer hat die Qualle mit sich fortgetragen. Rettungsaktion erfolgreich abgeschlossen. »Möchtest du eine Qualle sein, Mama?« - »Das wäre mir zu langweilig, immer nur im Wasser hin und her.« - »Aber wenn du eine Qualle wärst, dann würdest du nicht merken, dass es langweilig ist. Dann fändest du es doch schön, oder?«, überlegt Sebastian, sechs Jahre. Er hat die Qualle nicht angefasst. Wir sind noch nicht so lange hier, am Atlantik. Und an manches muss man sich erst gewöhnen, so peu à peu.

Diese Riesenqualle war die einzige, die wir in den ganzen Ferien auf der Ile de Ré gesehen haben. Das Meer um die Insel herum ist klar, von ein bisschen Seetang abgesehen. Die Insel liegt westlich der Hafenstadt La Rochelle und hat vom Tankerunglück der Erika nur wenig abbekommen. Im Januar haben die Bewohner der Insel zehn Tage lang an der Nordspitze aufgeräumt, das war zum Glück alles.

Schon lange ist die Ile de Ré Ferienziel betuchter Franzosen, anregender Ort für Maler und Künstler. Das liegt am Licht der »weißen Insel« und an ihrer Architektur. Das Licht ist stark und hell und leuchtend - der Inbegriff südlichen Sommers. Und es scheint nur auf kleine weiße Häuser. Mit blauen oder grünen Fensterläden und Stockrosen davor. Alles, was den Anblick stört, verbietet der Denkmalschutz. Das Licht scheint auf trutzige Festungsanlagen, mittelalterliche Sandsteinruinen, auf Yachthäfen und Motorboote, Kiefernwälder und Weinstöcke, Zitronenbäume und Palmen, Salzwasserbecken und Strände. Manche mit Steinen und manche mit feinem goldenem Sand.

So wie unser Strand in La Couarde. Dieser kleine Ort, Dorfstraße mit Kirche, liegt an der Südküste der Insel. Von unserem Haus aus gehen wir nur über die Straße, ein schmaler Pfad führt auf die Düne hinauf. Rechts und links je der mannshohe blickdichte Zaun zweier Ferienhäuser, über uns wölben sich Kiefernzweige mit schweren Zapfen. Hier riecht es, wie es in den Sommerferien riechen muss: nach Salz und Sand und Sonnenlicht auf Kiefernnadeln.

Von der Düne blicken die Eltern über Strand und Meer in die Weite. Mama sinniert, kurz, über das ewige Auf und Ab der Wellen. Papa peilt die Lage der Surfer und ordnet die Windstärken zu. Und die Kinder entscheiden blitzschnell, was heute angesagt ist: mit dem Kescher Krebse fangen, mit der Schaufel Schlösser bauen oder lieber gleich ins Meer.

Die Gezeiten bestimmen unseren Tag. Bei Flut: baden. Der Strand fällt sanft ab, auch Beinahe-Seepferdchen-Inhaber dürfen hier alleine im Atlantik planschen. Bei wenig Dünung ist das Wasser klar bis zum Grund. Da tauchen wir nach Einsiedlerkrebsen und spielen Steine apportieren. Und bei mehr Brandung lassen wir uns von den Wogen hochheben, dass wir nicht mehr stehen können, tauchen durch die Brecher und lassen uns von der weißen Gischt an den Strand tragen.

Bevor die Flut ihren Höhepunkt erreicht, buddeln die Kinder Kanäle und Burgen am Wassersaum. Nur eine gewisse Zeit halten diese den Fluten stand. Dann ebnen die Wellen die sandigen Werke wieder ein.