Mitunter kommt es zu absurden Situationen. Als König Abdullah im August Tel Aviv besuchte, begann am gleichen Tag in Amman eine Konferenz gegen die Normalisierung der Beziehungen mit Israel. Als vor zwei Jahren palästinensische Journalisten nach Rhodos fuhren, um dort drei Tage lang israelischen Kollegen ihren schwierigen Alltag unter der Besatzung zu erklären, erwartete sie bei der Rückkehr ein heftiger Protest. Unter den Kritikern, heißt es jedoch, seien auch Medienleute gewesen, die selber gerne mit dabei gewesen wären.

Am konsequentesten hält sich die palästinensische Bir-Zeit-Universität an die Doktrin der Antinormalisierung, die seit etwa zwei Jahren auch die akademische Zusammenarbeit erschwert. "Wir lassen uns auf keine Kommunikation mit den Besatzern ein", sagt der Direktor Hana Nassr. Voraussetzungen für einen Dialog seien gleichberechtigte Partner.

Wer sich von den palästinensischen Akademikern trotzdem an bilateralen wissenschaftlichen Projekten beteiligt, für die europäische Geldgeber in der Regel gerne in die Tasche greifen, tut dies auf eigene Faust und Gefahr. Einem Professor, der, ohne viel nachzudenken, jüngst israelische Friedensaktivisten nach Bir Zeit eingeladen hatte, wurde aufgetragen, die unerwünschten Gäste so schnell wie möglich vom Campus zu entfernen. "Diese Gefühle sitzen noch viel tiefer, als ich mir das vorstellen konnte", gesteht Ghassan Khattib, der das Ost-Jerusalemer Media and Communication Center leitet und an der Bir-Zeit-Universität Kulturwissenschaften unterrichtet. Seine Umfragen bei den Palästinensern bestätigen einen Trend, der überall in der arabischen Welt verbreitet ist: Je höher der Bildungsstand, umso heftiger die Kritik an der Aussöhnung mit dem Feind. In Israel verhält sich es eher umgekehrt.

Für Nissim Calderon, Kulturexperte der Tel Aviver Universität, hat dies mit der Einstellung gegenüber der eigenen Regierung zu tun. "Die israelischen Intellektuellen glauben, dass der Frieden letztlich für die gesamte Gesellschaft von Vorteil sei. Für ihre arabischen Kollegen hingegen liegt die Aussöhnung mit Israel vor allem im Interesse der Herrschenden, die sich deshalb dem Druck der Vereinigten Staaten beugen." Aber auch in seinem Land sieht Calderon heute Ähnliches: Manche Intellektuelle aus Russland prangerten den Frieden mit der arabischen Welt als eine naive, amerikanische Idee an.

Wenn es überhaupt eher still um die Schriftsteller und Intellektuellen im Nahen Osten geworden ist, dann hat dies nicht nur mit den Schwierigkeiten der Begegnung zu tun, sondern auch damit, dass die Politiker die Initiative ergriffen haben. Solange noch keine Lösungen zur Debatte standen, waren die Intellektuellen gefragt. Seitdem die Regierungen direkt miteinander verhandeln, sind die Verwalter der kulturellen Identitäten arbeitslos geworden. Die Fragen nach dem "Ich" und dem "Anderen", wie sie im Vorfeld der gegenseitigen politischen Anerkennung wichtig waren, haben an Bedeutung verloren. Calderon glaubt, dass auch der Spielraum bei den Diskussionen geschrumpft ist. "Vor dem Osloer Abkommen waren die Konfliktlinien noch nicht so klar, und die Intellektuellen konnten ganz unbeschwert miteinander verhandeln. Keiner war ja verpflichtet, das Gewicht der Mythen auf beiden Seiten zu vergleichen." Jerusalem ist der schwerste Brocken. Calderon ist verblüfft, wie sich die israelische Öffentlichkeit in dieser Frage bewegt hat. Eine Teilung der Stadt auch nur zu erwägen wäre vor einem Jahr undenkbar gewesen.

Um die Erosion zu beschleunigen, hat David Grossman jüngst zur Feder gegriffen und die Zeitungsleser daran erinnert, dass sein Großvater damals in Polen nicht für die Heiligkeit der arabischen Viertel in Jerusalem gebetet hat. Vielen Lesern gefiel das nicht. Der Schriftsteller aber fühlt sich verpflichtet zur Einmischung und wünscht sich auch von seinen palästinensischen Kollegen, dass sie am Mythos der Rückkehr zu kratzen anfingen. Genau das aber würde ihnen am schwersten fallen. Denn ihre ganze Literatur ist geprägt von dem Exil, der Sehnsucht nach der Rückkehr, von dem Motiv der Heimaterde und der Hoffnung auf Unabhängigkeit. Palästina ist ihnen ein Konzept, das nur in seiner Ganzheit existieren kann. Der berühmteste Poet und "Nationaldichter" Mahmoud Darwish definiert seine Rolle anders als Grossman. Seine Aufgabe sei es, "unsere nationalen Rechte zu verteidigen und die Haltung bei den Verhandlungen zu stärken". Sollte es je einen Palästinenserstaat geben, hatte Mahmoud Darwish schon vor Jahren prophezeit, dann würden die Literaten in die Krise kommen, weil sie sich neue Themen suchen müssten.

Nach langer Zeit im Pariser Exil lebt Darwish heute zwischen Amman und Ramallah, Westjordanland. Dort, im Sakakini-Kulturzentrum, hat er jüngst sein neuestes Werk, aus einem einzigen langen Gedicht bestehend, vorgestellt. Es handelt von der Todesangst nach einer Herzoperation und von seiner Kindheit in Palästina. Bei dem Empfang draußen im Garten erinnerte allein das hebräische Etikett auf dem Mineralwasser an die Nähe zu Israel.