Nur 40 Autominuten entfernt, in der Kellerbar der Habima, des Nationaltheaters von Tel Aviv, wird über Hannah Arendts Buch Eichmann in Jerusalem diskutiert, das endlich in hebräischer Fassung vorliegt. Der Regisseur Jehoshua Sobol kritisiert, dass sie dem Schauspieler Eichmann auf den Leim gegangen sei. "Sie hat nicht begriffen, wer er ist, denn sonst wäre sie von dem Wort Banalität nicht so fasziniert gewesen." Zwei Veranstaltungen, deren Publikum sich nicht überschneidet.

Die palästinensische Spielregel verbietet offizielle Treffen

Gemeinsame öffentliche Debatten sind rar geworden. Solange die politische Lage sich nicht ändert, wird Darwish auch in diesem Jahr nicht beim internationalen Dichterfestival in Jerusalem dabei sein. "Wozu? Man ist dann zwei Tage lang in den westlichen Medien und vermittelt dort den Eindruck, dass alles in Ordnung ist. Ist es aber nicht. Die Lebensumstände der Palästinenser haben sich nicht verbessert, ihre Bewegungsfreiheit ist nach wie vor eingeschränkt, und immer noch werden Siedlungen gebaut." Er sei nicht prinzipell gegen den intellektuellen Austausch, er glaube an Dialog, nur halte er offizielle Treffen im Augenblick für verfrüht. Er kennt aber seinen israelischen Kollegen Yehuda Amichai und spricht sehr herzlich von ihm; die beiden haben sich in New York kennen gelernt. Darwish will nicht die Rolle des Verweigerers spielen, er hält sich nur an die Spielregeln.

Die Frage nach den Regeln hat sich die Krimiautorin Batja Gur gestellt, als sie im Mai auf der Konferenz in Zürich war. Mit ihr auf dem Podium saßen nicht nur Palästinenser, sondern auch israelische Akademiker, die bereit waren, den Zionismus bis zur Selbstaufgabe infrage zu stellen. Sie fühlte sich in die rechte Ecke gedrängt und fing an, ihr Land zu verteidigen. "Die Schweiz war nicht der Ort, wo ich meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Zionismus führen wollte. Die Palästinenser haben mich sogar eher verstanden als meine israelischen Kollegen." Wenn der israelisch-arabische Dialog vor Publikum stattfindet, noch dazu im Ausland, ist selten Platz für Nuancen. Wie ein Zirkuspferd in Manege werde man vorgeführt und spiele die alte Rolle, bedauert Gur.

Die Neigung zum Ritual ist geringer bei jüngeren Autoren. Etgar Keret aus Tel Aviv, Jahrgang 1967, begründet das mit der "postideologischen Welt", in der es keine Ideale mehr und dafür jede Menge komplizierter Realitäten gibt. Auch er war in Zürich dabei und lernte dort Samir El-Youssef kennen, sein palästinensisches Spiegelbild. "Er kommt aus derselben Ambivalenz wie ich. So große Begriffe wie Wahrheit, Gerechtigkeit sind auch ihm fremd." Unterhalten haben sie sich über Jim Jarmusch und darüber, warum Fundamentalismus überall eine Antwort auf die Amerikanisierung der Gesellschaft sei. In Kerets Familie gibt es beide Extreme. Seine Schwester lebt als strenggläubige Jüdin mit neun Kindern in Mea Shearim, sein Bruder hat die Bewegung für die Legalisierung von Marihuana gegründet.

Die Helden in seiner Erzählung Pizzeria Kamikaze sind Selbstmörder, die nach dem Tod in einer neuen Welt zusammentreffen, unter ihnen ein palästinensischer Bombenattentäter, der von einem Israeli an der Bar gefragt wird, ob man ihm denn vor seiner Tat wirklich lauter Jungfrauen als Belohnung im Himmel versprochen hätte. - "Und was hat man dir versprochen?", fragt der Palästinenser zurück. Nicht nur in Tel Aviv, auch in Ramallah schreiben die jungen Autoren anders als die älteren. Der Vorsitzende des palästinensischen Schriftstellerverbands, Izzat Ghazzawi, spricht kritisch von Post-Oslo-Literatur. Viele Geschichten könnten überall spielen. Die Flucht in die globalisierte Literatur aber ändert nichts an der realen Existenz der israelischen Checkpoints.

Bei der Lösung der Streitpunkte, die längst offen auf dem Tisch liegen, sind die Politiker gefragt, nicht die Intellektuellen. Und vielleicht ist die Abwesenheit eines Dialogs nicht unbedingt schlecht. Anders als der Philosoph Martin Buber glaubt der Historiker Dan Diner, dass eine zu gute Kenntnis des Anderen eine Aussöhnung eher erschweren würde. Einen Frieden hält er nur für möglich, "wenn die Gefühle der beiden Völker neutralisiert werden".