Bislang gab es im Zweiten für Themen, die in den wenigen Minuten der aktuellen Nachrichtenfilme von heute und heute journal nicht behandelt werden können, die politischen Magazine Frontal und Kennzeichen D. Beide Magazine sollen, so der Diskussionsstand seit Amtsantritt des neuen Chefredakteurs Nikolaus Brender, durch neue Sendungen ersetzt werden. Doch die ZDF-interne Diskussion über die inhaltliche und formale Ausrichtung dieser neuen Formate stimmt skeptisch, jedenfalls wenn man interne ZDF-Papiere liest, die der ZEIT vorliegen: Das Konzept für ein neues Reportagemagazin zdf.reporter, das am Dienstagabend gesendet werden soll; "Thesen und Überlegungen zu einem neuen zeitkritischen Magazin" vom designierten Leiter der Sendung und ZDF-Chefkorrespondenten Claus Richter; Sitzungsprotokolle der Arbeitsgruppe "Zeitkritisches Magazin". Dies sind keine endgültigen Beschlussvorlagen und erst recht keine Drehbücher. Aber: Sie geben, gerade wegen ihrer unterschiedlichen Autoren und Entstehungszeiten, eine sehr deutliche Tendenz im Hause wieder. Und lassen erkennen, wie man sich im ZDF, dem Sender mit "Leitbildfunktion", künftig komplexer Themen anzunehmen gedenkt.

Mit dem Zweiten taucht man besser

Etwa das Konzeptpapier für zdf.reporter. Im beispielhaften Ablauf einer Sendung für die letzte Maiwoche dieses Jahres ist festgehalten, wie dort etwa das Thema Reform der Bundeswehr angepackt werden soll. Gleich zu Beginn wird präzisiert, was zu vermeiden ist, Zahlen und Fakten nämlich: "Im Hinblick auf die Reform der Bundeswehr wendet das Reportermagazin nicht weitere Zahlen, sondern reportiert von da, wo die Bundeswehr sich verändert", und zwar aus dem Kosovo und vom "Ninja-Training der schnellen Einsatzgruppe", das Ganze "nah und menschlich". Blauhelme, Panzerwesten und Todesgriffe - genauer kann man die Tendenz zum Sensationellen in den Medien gar nicht beschreiben.

Wie geht's weiter in der Sendung? Der Moderator, favorisiert wird derzeit Steffen Seibert, bekannt aus der ZDF-Boulevardsendung Hallo Deutschland, leitet zum nächsten Stück, diesmal ohne Ninjas und auf jeden Fall auch ohne Zahlen. Es geht auf die Expo, zum niederländischen Pavillon: "Rudi Carrell reportiert um den niederländischen Pavillon herum von der Expo. Ist die Ausstellung wirklich die Welt? Kommen hier die Weltbürger zusammen?" Was für ein trostloser Einfall. Es gibt in der Geschichte des Fernsehens keinen Showmaster, der sich weniger um Gäste oder Expo-Besucher geschert hätte als Carrell, und mithin keine katastrophalere Wahl für irgendeine Reportage, von einer politischen ganz zu schweigen. Fünf quälende Minuten wollen die Autoren das dem Zuschauer zumuten. Dann, nächster Beitrag, geht es abwärts: "Deutsche Forschungstaucher entdecken vor Ägyptens Küste antike Unterwasserwelten. Wir tauchen mit." Carell, Karate und Cleopatra auf einem Sendeplatz, der einst der Politik vorbehalten war.

Und zum Thema Genetik fiel den Konzeptionierern ein: "zdf.reporter ist dabei, wenn Mainzer Wissenschaftler die Nächte durchmachen, um den Menschencode zu knacken." Statt Craig Venter und Bill Joy pfälzische Doktoranden, die mit rot geränderten Augen erzählen, dass sie gerade den letzten Bus verpasst haben.

Das Konzept von zdf.reporter ist kein besonders verunglückter Einzelfall. Auch der ältere Entwurf für ein "zeitkritisches Magazin" vom 19. April bekennt sich zum Dogma der Entpolitisierung: "Die Zeit der klassischen, meist noch in den 60er Jahren gegründeten politischen Magazine neigt sich in dem Maße dem Ende zu, wie die innenpolitischen Richtungskämpfe an Bedeutung und Substanz verlieren." Daher solle sich ein neues Magazin, so das Konzept, "für Themen öffnen, die bislang nur selten in politischen Magazinen auftauchen". Nämlich: Sport, Wissenschaft, Gesundheit, Medien und Mode. Kein Wunder, dass diese Themen bisher nicht in politischen Magazinen vorkamen, denn es gibt ja äußerst erfolgreiche Formate, in denen sie seit Jahren behandelt werden: Gesundheitsmagazin Praxis, Abenteuer Forschung und das Aktuelle Sportstudio - alle im ZDF. Doch das "zeitkritische Magazin" wird auch auf letzte Fragen nicht verzichten: "Warum spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft so jämmerlich? Welche Entdeckungen werden die Zukunft bestimmen?"

Nicht nur der Inhalt, auch die Bildsprache der neuen Formate lehnt sich ans Privatfernsehen an: Die Kameras sollen mobiler, die Bilder authentischer daherkommen. Das Zauberwort heißt "Echtzeit-Dramaturgie". Die Reporter schwärmen aus und "decken dabei verschiedene Orte oder Ebenen der Handlung ab. Sie werden über einen Koordinator in der Redaktion gesteuert, kommunizieren permanent mit E-mail und Handy, synchronisieren die Dramaturgie des gemeinsamen Films schon während des Drehs. zdf.reporter bringt mit dieser Echtzeit-Dramaturgie ein Novum auf den Markt." Und forciert die Selbstinszenierung des Reporters, der nach und nach zum eigentlichen Thema der Sendung mutiert.