Das Handy ist voller Versprechungen. Und es verändert unsere Kommunikation. Während früher, in den Zeiten des Festnetzes, die erste Frage am Telefon lautete: "Wie geht's?", wird heute jedes Handygespräch mit "Wo bist du?" eingeleitet. Darüber lachen Handygegner gern und spöttisch. Doch die Antwort auf "Wie geht's?" barg selten Substanzielles. Über den Aufenthaltsort und andere scheinbar triviale Auskünfte wie Wetter, Aussicht, über seltsame Hintergrundgeräusche und wechselnde Netzqualität dagegen wird eine erstaunliche Menge an Information transportiert. Und weil der Anrufer nie genau weiß, ob sich der Angerufene nicht in einer unangenehmen, ungünstigen oder peinlichen Situation befindet (der Schrecken jedes Handybesitzers: ein Anruf auf der Toilette), hört man neuerdings am Telefon häufiger die so angebrachte und wichtige kleine Frage: "Stör ich?"

Kleine Hinweise auf eine sich entwickelnde Handykultur? Inmitten einer rasch und wild wuchernden Handyunkultur? Die zumindest wird von immer mehr Handymahnern und Handyhassern beklagt.

München im Juli 2000. Philharmonie. Hanns-Martin Schneidt dirigiert die h-Moll-Messe von Bach. Alt-Arie, pianissimo, "Agnus dei qui tollis peccata mundi, miserere nobis". Da bimmelt bei einem der etwa 1000 Zuhörer das Handy. Der Saal erstarrt. Der Dirigent dreht sich um. Minutenlang dirigiert Schneidt mit dem Rücken zum Orchester weiter, durchbohrt den mutmaßlichen Missetäter mit seinen Blicken. Dem Kerl wird dieses Malheur nicht noch einmal passieren. Doch bald verfügt jeder Dritte im Publikum über ein Handy, das irgendwann auch einmal losbimmeln wird, weil es losbimmeln kann. Und der beschriebene Fall ist nicht einmal der schlimmste. Entsetzlicher noch wäre es gewesen, hätte der Unglückliche als Rufton seines Gerätes eine der überaus beliebten Klassikerverstümmelungen gewählt: Für Elise, Eine kleine Nachtmusik oder gar Beethovens Fünfte. Konzertsäle sind Brutstätten für Handyhasser. Ebenso feine Restaurants. Kirchen. Friedhöfe. (Wobei der Fall verbürgt ist, dass in einem Sarg ein Handy schrillte, weil der Verblichene seinen kleinen Liebling mit ins Grab hatte nehmen wollen. Erst als der Akku leer war, endete der Spuk.)

Gegner fordern mehr handyfreie Zonen

Die plötzliche und massenhafte Verbreitung einer neuen Technik weckt Ängste. Ängste vor kleinen Weltuntergängen wie in der Münchner Philharmonie, Ängste vor großen Weltuntergängen wie diesen Beinaheabstürzen von Flugzeugen, in denen ein Handy eingeschaltet war. Man kann im Stadtverkehr Autofahrer beobachten, die gleichzeitig lenken, rauchen, das Radio leiser stellen und mit zwischen Kopf und Schulter eingeklemmtem Handy telefonieren. Gelegentlich überfahren sie, vielfältig abgelenkt, Fußgänger; in den Polizeimeldungen hat diese neue Unfallart den herkömmlichen Geisterfahrerunfall fast völlig abgelöst. Oft geht das Handy auch bloß auf die Nerven, wirkt zermürbend. Wenn sein Besitzer im Zug vis-à-vis sitzt und unangemessen laut (im Zug ist es laut, nicht beim Angerufenen) Privates, Geschäftliches oder dummes Zeug mitteilt. Handyhass weckt aber auch unsouveräner Umgang mit dem Gerät. Es ist eine Beleidigung, wenn jedes Bimmeln der kleinen Kiste ernster genommen wird als das unterbrochene Gespräch. Doch all diese Phänomene sind vorübergehende Begleiterscheinungen der neuen Kommunikationstechnik. Anpassungsprozesse sind schon im Gang.

In überraschender Analogie zum Raucherproblem werden von Handygegnern an vielen Stellen "handyfreie Zonen" gefordert. In München wurde im vergangenen Jahr von den Verkehrsbetrieben ein generelles Handyverbot ausgesprochen. Bei der Deutschen Bahn lässt sich seit kurzem nicht nur ein rauchfreier Gangplatz am Tisch reservieren, sondern auch der Aufenthalt in einer handyfreien Zone. Analog zum Rauchen schimpft dort der Schaffner auch dann, wenn der Handynutzer allein im Handyfreiabteil telefoniert. Wirklich aggressive Handygegner trifft man in Deutschland aber nicht an, im Gegensatz zu den USA, wo organisierte Handyhasser den Leuten auf der Straße die Mobiltelefone wegnehmen. Deutschland kennt immerhin schon eine Handy-Hate-Page im Internet mit sachdienlichen Hinweisen auf käufliche und selbst baubare Handystörsender.

In Frankreich werben Mobilfunkanbieter schon für kulturvollen Umgang mit dem Handy mittels großer Anzeigenkampagnen. In Deutschland wird über Broschüren und das Internet die Idee einer Handyetikette, einer so genannten Handykette verbreitet. Denn noch so große Verbotsschilder und mündliche Ermahnungen über Lautsprecheranlagen helfen nur begrenzt, Handys an unangemessenem Ort zum Schweigen zu bringen - einen Trottel gibt es immer. Technische Radikallösungen wie elektronische Handyblocker werden mittlerweile in Japan und den USA erprobt, sind in Deutschland aber illegal. Es hilft also nichts: Die Antwort auf die verbreitete Handyunkultur heißt Handykultur.