SASSEN: Bei einigen Unternehmen ist der Grund ja leicht zu erraten. Firmen, die wie Nike oder Reebok direkt an die Verbraucher verkaufen, sind sehr anfällig gegen Verbraucher-Boykotte, Demonstrationen und eine negative Darstellung in den Medien. Aber es steckt mehr dahinter. Vielen Konzernchefs scheint es zu dämmern, wie sehr sie auf das Wohlwollen der Staaten und ihrer Gesellschaften angewiesen sind. Früher dachten einige: Sie brauchen am besten die völlige Freiheit, den Wilden Westen. In Wahrheit brauchen sie verlässliche Regeln, Standards, Garantien, Rechtssicherheit.

ZEIT: Wenn Sie mit Konzernchefs reden, werden die im Zweifel aber über zu viel Staat klagen, nicht über zu wenig.

SASSEN: Sie werden das auf einer rhetorischen Ebene tun. Sonst würden sie ja einige ihrer Positionen schwächen. Aber schauen Sie sich doch DaimlerChrysler an: Das ist keine AG nach irgendeinem Weltrecht, das es gar nicht gibt, sondern nach deutschem Recht. Die deutsche Gesetzgebung hat die Rechtsgrundlagen für ihre Existenz geschaffen.

ZEIT: Das macht DaimlerChrysler noch lange nicht zum Schoßhund der deutschen Regierung.

SASSEN: Das ist im Augenblick mein Forschungsschwerpunkt: Ich denke darüber nach, wie diese Abhängigkeiten genau aussehen. Und auch darüber, wie die Politiker eines Nationalstaates sie als Hebel benutzen können, um mehr Verantwortlichkeit von den Weltkonzernen zu verlangen.

ZEIT: Weltkonzerne sind mobil. Sie können weggehen, wenn ein nationaler Politiker zu viel Ärger macht.

SASSEN: Ich glaube das nicht ganz. Es gibt weltweit nur eine sehr begrenzte Zahl von Standorten, an denen die Hauptsitze dieser Firmen operieren können. Die Konzerne sind ohnehin mit ihren Heimatländern stärker verflochten, als sie zugeben wollen. Da können sie so viele internationale Niederlassungen haben, wie sie wollen.