Doch in letzter Zeit läuft es bei Coca-Cola nicht mehr ganz so gut. Der Aktienkurs und die Gewinne sind gesunken. Der Australier und ehemalige Fernost-Manager Daft hat seine eigene Theorie dafür: Die Kontrollwut der Zentrale habe das Unternehmen träge gemacht - und obendrein auch noch Widerstand in aller Welt geweckt. Abfüllfirmen proben den Aufstand, bei verschiedenen Kartellbehörden laufen Verfahren. Farbige Mitarbeiter riefen wegen Rassismus zum Boykott von Coca-Cola auf, und fantasievolle muslimische Fundamentalisten streuten in Ägypten sogar das Gerücht, der Firmenschriftzug sei - in einem Spiegel gelesen - eine unflätige Aussage über den Propheten. "Die Welt hat ihren Kurs geändert", philosophierte Daft nun kürzlich in einem Positionspapier. "Die Kräfte, die die Welt stärker vernetzen und ähnlicher machen, haben gleichzeitig den machtvollen Wunsch nach lokaler Selbstständigkeit und kultureller Identität gestärkt."

Doch der nachdenkliche Douglas Daft ist eine Ausnahme. In anderen Chefetagen ist man bislang viel weniger besorgt: Zum Wechsel ins 21. Jahrhundert grassiert unter den Weltkonzernen nach wie vor das Fusionsfieber: Ein Firmenkauf jagt den nächsten, Riesen schließen sich zu Giganten zusammen, Konzerne spannen ihre Imperien durch den Zukauf lokaler Unternehmen um die ganze Welt. Längst hat dieser Trend auch die früher zurückhaltenden Regionen Kontinentaleuropa und Japan erfasst.

So kommt es, dass inmitten weltweiter Marktwirtschaft ein ganz anderes Prinzip immer mehr Bedeutung gewinnt: die Planwirtschaft des global operierenden Konzerns, das weltumspannende Netzwerk aus Zentrum, Stützpunkten und Ablegern, Beteiligungen und Partnerschaften. Diese Gebilde sind mehr oder weniger hierarchisch organisiert, mit der Macht im Zentrum und durch ausgeklügelte Informationstechnik und Kommandostrukturen vernetzt. Die größten unter ihnen - die DaimlerChryslers, Wal-Marts, Citigroups und Sonys - erzeugen und verschieben jährlich Güter im Wert von 50, 100, 150 Milliarden US-Dollar, mehr als das Bruttosozialprodukt von Irland oder Dänemark. Das Fusionsfieber hat bereits dazu geführt, dass sich die Spitze weit vom Hauptfeld abgesetzt hat. Nur noch eine Hand voll Konzerne dominiert heute die Weltmärkte für Öl, Mineralstoffe und Agrarprodukte, etwa 100 Unternehmen die Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Die Planwirtschaften der Mega-Konzerne sind die Schrittmacher der Weltwirtschaft.

Aber wie lange noch? Politiker und Bürgergruppen, Gewerkschaften und Umweltschützer, Kartellämter und Datenschutzbeauftragte in aller Welt äußern sich inzwischen zunehmend besorgt über die Fusionswelle - und fragen sich, ob beim Vormarsch der Multis nicht gefährliche Machtballungen entstehen. Radikale Demonstranten haben ihre Antwort schon gefunden und warfen am Rande der WTO-Jahrestagung in Seattle, beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos und bei den Erster-Mai-Demonstrationen in London aus Protest die Schaufenster von McDonald's-Filialen ein.

Auch bei gepflegteren Auseinandersetzungen auf Tagungen und Konferenzen ist ein altes Feindbild wieder aufgetaucht: das international operierende Unternehmen, das die Welt wie ein Krake umschlingt. Eine breit gefächerte Koalition aus Konservativen und Linksliberalen, Nationalstaatsfans und Multikulti-Romantikern hält dieses Bild für die Wirklichkeit. Bestimmen die stetig wachsenden Konzerne nicht längst, welche Güter auf dieser Welt produziert werden und wer sie sich leisten kann? Welche Technologien Realität werden und welche in der Versenkung verschwinden? Welche Umweltgifte entstehen, wer die Rechte am menschlichen Erbgut besitzt? Was Schulen und Universitäten lehren, welche Entwicklungswege der Dritten Welt offen stehen? Kulturkritiker wie der Soziologe Leslie Sklair werfen den multinationalen Unternehmen sogar vor, eine "Kulturideologie des Konsumerismus" um den Erdball zu verbreiten und in einem Komplott aus konzerngesteuerten Medien, Werbeagenturen, Film- und Musikfirmen die ganze Welt in Marlboro Country verwandeln zu wollen.

Auf den ersten Blick scheinen solche Debatten reichlich vertraut. Ende der sechziger und in den siebziger Jahren diskutierte die Welt schon einmal über den bösen Monopolkapitalismus, den Konzernimperialismus und die Coca-Colonisierung. Doch spätestens in den achtziger Jahren war damit wieder Schluss - erstens weil sich die gefürchteten Multis in eine Art bemitleidenswerte Dinosaurier verwandelt hatten. Mit immer mehr, immer neuen Geschäftsbereichen waren sie zu unübersichtlichen, schwerfälligen Gebilden herangewachsen. Und zweitens erschien auch manch populäre Kritik an den Multis im Rückblick nicht mehr überzeugend.

Die Konsum- und Aktionärsgesellschaft lebte nämlich inzwischen bestens mit den Produkten und Anteilsscheinen der Konzerne, und im Umweltschutz wie im Sozialen haben sich die Großen meist besser betragen als die Kleinen. In der Dritten Welt waren sie selten soziale Ausbeuter, häufig Träger der Entwicklung. Die ideologischen Debatten von damals haben die Multis gewonnen.