Benjamin Barber: Aber wahr. Die Debatte über die Macht der Konzerne hat sich bisher vor allem um die Bedrohung des Wettbewerbs und den schwindenden Einfluss der Politik gedreht. Ich glaube, dass die Konzerne vor allem unsere Kultur und Lebensumwelt gefährden.

DIE ZEIT: Viele beklagen zwar das Vordringen der Märkte. Sie aber machen unmittelbar die großen Konzerne verantwortlich.

Barber: Es ist schwer, beide Ebenen sauber zu trennen. Die Globalisierung der Finanz- und Arbeitsmärkte hängt letztlich am Markt der Produkte und Dienstleistungen. Und der läuft geschmiert, wenn es eine möglichst weit verbreitete Konsumkultur auf der Welt gibt. Sonst können die Multis nichts verkaufen.

DIE ZEIT: Das heißt noch nicht, dass die Konzerne eine solche Kultur bewusst schaffen.

Barber: Die Konzerne haben als Erste begriffen, dass sie die Bedürfnisse für ihre Produkte selber herbeiführen müssen, und deshalb verändern sie unsere Alltagskultur. Wo bitte ist der echte Bedarf für Jeeps, die mehrheitlich sowieso nur in der Stadt gefahren werden? Warum sind siebzig Prozent der Schuhe auf der Welt Sportschuhe, obwohl bloß fünf Prozent der Bevölkerung Sportler sind? Da geht es bloß noch um Image - ich bin ein sportlicher, unternehmungslustiger Mensch. Früher waren die Entdeckung, Erfindung oder Entwicklung neuer Produkte die Schlüsseldisziplinen der Wirtschaft - heute sind es Verkauf und Marketing.

DIE ZEIT: Die Vermittlung eines Lebensgefühls: Da ist keine finstere Verschwörung, sondern eine wertvolle Dienstleistung.

Barber: Ja, aber sie wirkt zerstörerisch. Als Coca-Cola in den frühen neunziger Jahren nach Asien vordrang, gab es ein Problem: Die Menschen dort tranken Tee. Coca-Cola konnte auch nicht einfach mit diesem Getränk konkurrieren, denn es war mit Ritualen in Familie und Religion verbunden. Im 1992er-Geschäftsbericht kann man nachlesen, wie bewusst den Konzernen solche Dinge sind: Darin stand, Coca-Cola wolle der Teekultur den Kampf ansagen. Globale Unternehmen sind notwendigerweise auch in der kulturellen Erziehung, Propaganda, Transformation aktiv. Das ist für ihren Profit unabdingbar.