Machtballungen in der Wirtschaft haben eigentlich einen traditionellen Widersacher: das Kartellamt. Es soll verhindern, dass Unternehmen sich dem Wettbewerb entziehen, also nicht mehr miteinander konkurrieren, sondern sich verbünden, zusammenschließen, die Preise erhöhen, die Qualität senken - "den Konsumenten ausbeuten", wie es Wirtschaftswissenschaftler ausdrücken. Doch die Beamten bleiben offenbar gelassen. 1999 entschieden die Wettbewerbshüter der europäischen Kommission über 255 Zusammenschlüsse, nur einer wurde abgelehnt. Hat sich die staatliche Seite mit dem Machtverlust schon abgefunden?

Der erste Eindruck täuscht. Viele Firmen geben ihre Fusionspläne auf, bevor sie in die Statistik gelangen - aus Angst, die Behörde könnte Einspruch erheben. In anderen Fällen genehmigt das Kartellamt zwar den Zusammenschluss, aber nur unter harten Auflagen - bis hin zur Abstoßung ganzer Unternehmensbereiche. Und schließlich müssen Fusionen dem Wettbewerb nicht schaden, vor allem nicht die der letzten Jahre. Denn in der Globalisierung sind nicht nur die Konzerne gewachsen, sondern auch die Märkte. Das bedeutet mehr Kunden, aber häufig auch mehr Mitbewerber. In Europa und Amerika zum Beispiel sind Klein- und Mittelklassewagen kaum noch zum regulären Preis zu verkaufen, nicht zuletzt wegen der Konkurrenz aus Fernost.

Die gesamtwirtschaftlichen Preissteigerungsraten sind in fast allen Industrieländern gering. Da fällt die Behauptung schwer, die fusionierten Unternehmen nutzten ihre neue Macht, um ihren Kunden höhere Preise aufzuzwingen. "Die Unternehmen profitieren nicht nur von den größer gewordenen Märkten, sie leiden auch unter ihnen", sagt der Wettbewerbstheoretiker Rainer Olten.

Das muss allerdings nicht so bleiben. Irgendwann ist womöglich der letzte Winkel der Welt ökonomisch erschlossen. Dann könnten die Konzerne weiterfusionieren und den Weltmarkt unter sich aufteilen, ohne Angst vor Wettbewerbern. Der ehemalige Präsident des Bundeskartellamtes Dieter Wolf hat einmal gewarnt: Vom Mars sind keine neuen Marktteilnehmer zu erwarten.

In Branchen wie der Mineralölindustrie oder der Luftfahrt deutet sich diese Zukunft schon an. Vor allem folgender Fall wird auf wettbewerbsrechtlichen Tagungen immer wieder als Beispiel zitiert: 1996 gab es auf der Welt drei große Flugzeughersteller - Boeing und McDonnell Douglas in den Vereinigten Staaten sowie Airbus in Europa. Dann gaben die beiden amerikanischen Unternehmen ihre Fusion bekannt, und es waren nur noch zwei. Eine Gefahr für den Wettbewerb? Nein, sagte die amerikanische Federal Trade Commission. Ja, antwortete die EU-Kommission.

Am Ende wurde die Fusion mit Auflagen genehmigt. Der vorangegangene halbjährige Streit zwischen Europäern und Amerikanern aber machte deutlich: Wettbewerbspolitik ist Interessenpolitik. Die Konzerne denken längst an die ganze Welt, überall dort leben ihre Kunden. Die Regierungen und staatlichen Behörden dagegen haben Landesgrenzen im Blick, innerhalb deren wohnen ihre Wähler. Der Verlierer bei der Fusion von Boeing und McDonnell Douglas wäre Airbus gewesen - gut für die amerikanische Wirtschaft, schlecht für die europäische.

Und noch ein Problem wurde offenbar. Die Kartellbehörden sind die Schiedsrichter des Wettbewerbs. Wenn der Wettbewerb jedoch nicht mehr auf nationaler Ebene ausgetragen wird, sondern auf globaler, ist plötzlich das Urteil mehrerer Schiedsrichter gefragt. Wer aber entscheidet, wenn die Schiedsrichter sich nicht einigen können?