Zwar waren - von der Regierung geduldet - Industrie-Multis wie Bayer, VW, DaimlerChrysler oder General Motors schon seit den fünfziger Jahren im Land. Doch mit der Privatisierung der brasilianischen Staatsmonopole und der Öffnung der Märkte zu Beginn der Neunziger brach eine neue, ungleich stärkere Flutwelle ausländischen Kapitals über das Land herein. Heute erwirtschaften internationale Konzerne rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 1990 waren es nur 8 Prozent.

Es waren vor allem internationale Dienstleistungsunternehmen, die nun die weit geöffneten Märkte Brasiliens eroberten. Vom Telekommunikationsanbieter bis hin zur Supermarktkette hatten einheimische Firmen dem Kapital und Know-how der Neuankömmlinge wenig entgegenzusetzen.

Im Einzelhandel zeigt sich das am deutlichsten. Die brasilianische Mittelklasse fährt heute bei Carrefour und Bon Marché, bei WalMart und Extra zum Einkauf, nur noch selten beim Krämer um die Ecke. Auch hinter den Fassaden brasilianischer Handelsketten wie Pão de Açúcar oder Casas Sendas steckt längst ausländisches Kapital aus den Vereinigten Staaten, Frankreich, Spanien, Holland, Portugal. Unter den fünf größten Handelsketten, auf die beinahe 40 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen, ist nur noch eine mehrheitlich in brasilianischer Hand.

Diese Machtübernahme war kein Kampf unter Gleichen. Die brasilianischen Handelshäuser - meist Familienholdings - gingen damals reihenweise in den Konkurs oder wurden gekauft. Sie verkrafteten nicht, dass in Brasilien ab 1990 gleich mehrere Barrieren fielen: die Staatsmonopole, die Zölle und die Notenpresse, die den Staat mit immer neuem, wertlosen Geld überschwemmte und damit die Konjunktur am Laufen hielt. Die Zinsen stiegen astronomisch hoch. Da konnten die unterfinanzierten heimischen Handelsketten und ihre mittelständischen Zulieferer nicht mithalten.

Freilich lag dieser Niedergang nicht nur an der Überlegenheit der ausländischen Riesen. In der Branche gab es auch Firmenchefs wie den einstigen "König des Einzelhandels" Ricardo Mansur, dem bis vor einem Jahr noch zwei große Kaufhäuser gehörten. Statt jeden Centavo in sein Unternehmen zu stecken, kaufte er sich lieber den größten Privat-Jet im Lande und dachte nicht daran, seine Angestellten pünktlich zu bezahlen. Jetzt sitzt er in London, weil er in Brasilien vom Staatsanwalt gesucht wird. Eine verrottende Firma und eine glanzvolle Villa - das war durchaus ein Unternehmerauskommen, damals, als die brasilianische Wirtschaft noch den Schutz des Staates genoss und in Phasen guter Konjunktur die Preise beliebig anheben konnte. Ausländische Konkurrenz hatte sie ja nicht zu fürchten.

All diese Veränderungen schlugen sich nicht nur in Geschäftsberichten oder auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen nieder. Der Vormarsch veränderte das Gesicht Brasiliens. Die Multis haben nicht nur aufgekauft, sondern ganz neue Spielregeln gesetzt: Sie bauten ihre Einkaufszentren und Supermärkte dort, wohin die kaufkräftigen Schichten vor den Armen und der Straßenkriminalität fliehen: in die geschlossenen Condominiums und auf die grüne Wiese. In den bewachten Hypermärkten und Shopping Malls verbringt die Ober- und Mittelklasse inzwischen sogar ihre Freizeit. Früher traf man sich zum Flirt oder zum Kinogehen auf der praça irgendwo in der Stadt, heute geht man in die plaza, das Shoppingzentrum. Manche dieser Glitzerpaläste mit ihren Kinos, Kinderkrippen und Restaurants sind sogar rund um die Uhr offen. Urbanes Leben unter dem Glasdach, befreit von Schmutz und Schurken.

Die Angst bleibtNur zögerlich haben sich die Länder der Dritten Welt den Multikonzernen geöffnetVon Thomas Fischermann Konzerne erobern die Erde: Nirgendwo können die Gegner der Multis ihr Lieblingsklischee so gut begründen wie in der Dritten Welt. Zwar gehen die meisten grenzüberschreitenden Investitionen gar nicht in arme Länder, sondern in reiche: in die USA, nach Europa und Japan. Doch wenn sich ein Konzern einmal in einem Entwicklungsland niederlässt, spielt er dort schnell eine tonangebende Rolle. Die Frage ist: Ist diese Machtposition gut oder schlecht?