Zimmer 2605 ist die Kommandobrücke für einen Pharma- und Chemiekonzern mit 53 Milliarden Mark Umsatz und 120 000 Mitarbeitern. Bayer ist ein Weltkonzern mit Tradition: Schon lange vor 1900 produzierte Bayer selbst in Russland und Brasilien. Heute ist kaum ein Land mehr ohne Bayer-Niederlassung zu finden. Auf der Uno-Rangliste der größten multinationalen Konzerne hält das deutsche Unternehmen den Platz 15.

Die Konzernherren wechseln, Gleich ist geblieben. Seit 1958 arbeitet die oberste Sekretärin in der Leverkusener Zentrale, fünf Vorstandsvorsitzende hat sie in der Zeit erlebt. Haberland, Hansen, Grünewald, Strenger und nun Schneider. Mit den Namen verbindet sie Charakterzüge. Temperamentvoll, reserviert, spontan, ernsthaft und nun "ganz unkompliziert". Was Dr. Scheider einen Tag ohne sie machen würde, ist eine rein hypothetische Frage, denn Anita Gleich wird nicht krank. In den über 40 Dienstjahren hat sie nicht einen Tag gefehlt, sagt sie allen Ernstes und zupft ein wenig verlegen am orangefarbenen Blumenensemble auf dem Chefschreibtisch. Frische Freesien und Wildrosen hat der Bote vom Bayer-Gartenbau-Verein gestern gebracht. Kein wuchtiger Strauß, kleine nette Blüten. "Wir wollen, dass uns die Arbeit bei Bayer Spaß und Freude macht" - so steht es unter Punkt 4, Absatz 2 der "Strategie-Leitlinien". Das gilt schließlich auch für den Chef.

An diesem Dienstag ist es in der 26. Etage des Bayer-Verwaltungshochhauses ruhiger als sonst. Der achtköpfige Vorstand hat sich zur Konzernplanungskonferenz in das Bayer-eigene Tagungszentrum im Bergischen Land zurückgezogen. Zwei betagte Wächter in dunklen Anzügen halten mit aufgesticktem Bayer-Kreuz auf der linken Brusttasche die Stellung hinter getönten Scheiben. "Ja, das ist Panzerglas", sagt einer der beiden, nachdem ein kurzer Blick zum Konzernsprecher Springer die Weitergabe der Information legitimiert hat. Man weiß ja nie. Sein Kollege sitzt in der äußersten Ecke des Foyers und hat seinen rechten Arm auf dem Fensterbrett gelagert. Alles deutet auf einen Stammplatz hin.

Erdfarben dominieren die Chefetage. Beige der Teppich, mooreichenbraun die hölzernen Wände, grün die vier genügsamen Gewächse. "Herren" steht in silberner Schrift an einer Stelle der Holzwand. Nur wer genauer hinsieht, entdeckt die Fugen einer Tür - der höchst diskrete Eingang zur Cheftoilette. Wenn Dr. Manfred Schneider zur Arbeit kommt, kündigt der Fahrstuhl gegen acht Uhr morgens sein Kommen mit einem sanften Gong an. Dr. Schneider findet seinen Wurzelfurnier-Nussbaumschreibtisch staubfrei und nahezu leer vor. So wie er ihn verlassen hat. Er setzt sich auf seinen Lederdrehstuhl mit hoher Lehne. Ein abgestepptes Cord-Sitzkissen mit leichten Gebrauchsspuren erhöht Schneiders Sitzkomfort. Hin und wieder trinkt er dann eine Tasse Kaffee, sagt Frau Gleich.

2605 - ein Raum der Ruhe. Der Lederschuber "Eingang" und der Lederschuber "Ausgang" stehen in leerer Eintracht nebeneinander. Nur ein blauer Aktenordner, der Vorgang Plako, Arbeitsgebiet Polymere, wartet auf Schneider. Bulle und Bär gucken sich auf dem Schreibtisch in die Augen. Ein Leverkusener Künstler hat die bronzenen Tiere dem Bayer-Chef vor einem Jahr zu dessen 60. Geburtstag geschenkt. "Wir kriegen den verdammten Aktienkurs nicht hoch", hatte Schneider bald darauf in einer Pressekonferenz erklärt.

Für den Besuch sind im Chefzimmer sechs Ledersessel und ein Glastisch vorgesehen. Die Obstschale auf dem Tisch ist in den Corporate-Identity-Farben Grün und Blau gearbeitet. Grün signalisiert Verantwortung, Blau Kompetenz, erläutert Konzernsprecher Springer und preist Schneiders Bescheidenheit. Der Chef finde nichts dabei, sich auf der Straße ein Taxi zu rufen. Und auf Dienstreisen ziehe er ein einfaches Zimmer der Suite vor.

Die Fensterfront gewährt einen großzügigen Ausblick über Schornsteine, Backsteinbauten und das komplizierte Röhrengeflecht des Chemieparks. Weiter hinten das Bayer-Kreuz aus über 1700 Glühbirnen und das Stadion der Fußballbundesliga-Abteilung. Ein Schornstein, der des Gaskraftwerkes, schafft es sogar fast bis in Zimmerhöhe. Der aufgemalte Namenszug wirkt wie absichtlich in Richtung Chefbüro gedreht.