Am Drücker wäre auch gerne Bundeskanzler Gerhard Schröder im Sicherheitsrat der UN. Dass dem derzeit nicht so ist, findet die SZ irgendwie nicht gerecht. Zwar müsse Deutschland den dritthöchsten Beitrag zahlen, doch im "Epizentrum der Vereinten Nationen" habe es nichts zu melden. Trotzdem loben die Münchner am Ende Schröders Zurückhaltung. "Nassforsches Auftreten würde nur Gegner in dieser Frage in ihrer Ablehnung bestärken", heißt es in einem Kommentar auf Seite 4. Der taz ist die Rede des Bundeskanzlers auf dem Milleniums-Gipfel zwar nur eine Meldung mit 14 Zeilen wert. Dafür brillieren die Berliner aber mit einer süffisanten Überschrift: "Schröder rüttelt am UN-Tor". Ein konsequenter Beitrag zur Vereinigung der Nationen liegt der taz übrigens erstmals ihrer heutigen Ausgabe und zukünftig jeden Donnerstag bei. "Persembe" heißt eine Wochenzeitung in Deutsch und Türkisch, die die "künstliche Trennung von deutschem und türkischem Alltag aufheben" will.

Nicht aufgehoben, sondern - juristisch korrekt ausgedrückt - erlassen, hat der Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen die langjährigen Haftstrafen den Herren Schabowski und Kleiber. Weil als Tag der Freilassung der beiden Ex-Politbüroler der Tag der Deutschen Einheit gewählt wurde, sei damit zwar ein Zeichen gesetzt, merkt der Tagesspiegel an. Das Besondere an diesem Gnadenakt sei allerdings, dass die Verurteilten nur ein Viertel und nicht wie üblich mindestens die Hälfte ihrer Strafe abgebüßt hätten. "Eine Demokratie kann sich Milde erlauben, wenn sie sich zuvor, in der Stunde der Wahrheit, durchgesetzt hat", kommentiert dazu Knut Teske in der Welt. Und erinnert dabei daran, dass die nicht "einfache Entscheidung Diepgens", von den Bürgern Großherzigkeit verlange, die für die Opfer schon fast an Selbstverleugnung grenze.

Großherzigkeit wird vermutlich kaum hinter den Plänen der SPD stecken, künftig mehr auf seine Wähler und den Rest des Volkes zu hören. "Alle Macht dem Volke?", titelt die Welt auf Seite 3 und stellt die Frage, ob die Einführung von Volksentscheid und Volksbefragung sinnvoll ist. Nicht ohne Häme bemerkt Autor Guido Heinen dabei, dass die Deutschen über die Zukunft der Europäischen Union dann allerdings nicht abstimmen werden dürfen: "Das Ergebnis könnte unbequem sein." Die taz hat zu diesem Thema den Innenpolitischen Sprecher der bündnisgrünen Bundestagsfraktion, Cem Özdemir, berfragt.

Der Preis des Tages für Kreativität im Umgang mit Worten geht übrigens diesmal an die Bild-Zeitung. Lässt sich über "Zicke zackig: Tennis-Zicke Martina Hingis macht mit Monica Seles kurzen Prozess", noch irgendwie schmunzeln, trotzt einem die folgende Headline nur ein schlichtes Staunen ab: "Die Tennis-Wummen: Venus schlägt härter auf als Bum-Bum-Boris." Zu bewundern ist die Schüttel-Poesie auf Seite 34.

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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