Je nach Blickrichtung kann ein Rücktritt auch ein Fortschritt sein: "Jetzt Sie noch, Herr Koch!" fordert die taz in ihrem Aufmacher den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch auf, seinem "Intimus" und Staatskanzleichef, Franz Josef Jung, in die Ämterlosigkeit zu folgen. Dabei übt sich die Berliner Gazette im politischen Durchblick und interpretiert die Rolle des Koalitionspartners beim Jung-Rücktritt. "Die hessische FDP ist endlich nervös geworden", schreibt Ulrike Herrmann in ihrem Kommentar und unterstellt der Partei, Angst vor Neuwahlen gehabt und deshalb Jung für Koch geopfert zu haben. Schließlich der etwas ungelenke Rat: Angesichts des drohenden freien Falls, solle die Hessen-FDP doch von Möllemann lernen "und einen Fallschirm aufspannen." Wie immer das auch zu verstehen ist.

Weniger kryptisch kommentiert die FAZ die gestrigen Ereignisse in Hessen: "Wann ist das Maß dieser Affäre so voll, dass sich auch Koch nicht mehr halten lässt?", fragen sich die Frankfurter. Und der Berliner Tagesspiegel geht gedanklich schon einen Schritt weiter und sieht die hessische Regierung bereits wackeln. "Letzte Ausfahrt Wiesbaden" titelt Bernd Ulrich seinen Kommentar und hämelt angesichts der fortwährenden Beteuerungen der Hessen-CDU, man sei Opfer, nicht Täter: "Schwarze Unschuldslämmer springen zitternd über hessische Fettwiesen."

Ob darunter nicht auch ein paar gelbe Exemplare sind, fragt sich die FR: Die FDP, die den Chef der hessischen Staatskanzlei im Landtag zum Rücktritt aufgefordert hatte, werde "bundes- und landesweit begründen müssen, warum Jung gehen und Koch bleiben darf." Und zur Situation des hessischen Ministerpräsidenten heißt in gewohnt deutlichen Worten: "Das Land hat längst Neuwahlen verdient. Sie zu verhindern ist der Kern der politischen Arbeit Roland Kochs."

Dass ihm dies noch lange gelingt, bezweifelt die SZ. Sie sieht nach einer Eröffnungsphase und einem Mittelspiel nun das "Endspiel in Wiesbaden" gekommen. In der "Schachpartie" habe Koch nunmehr alle Bauern geopfert und stehe nach dem "Rückzug seines Turms Franz Josef Jung" allein auf dem Brett. Ob jetzt der Mattangriff erfolgt oder die Partie noch Remis endet, sei aber offen, denn Koch, der "Kohl von Wiesbaden", scheine als Urenkel Adenauers beste Nerven zu haben, kommentiert das Münchner Blatt weiter. Passend dazu Jörg Quoos in einem Kommentar der Bild: "Ruhm und Schmach liegen in der Politik eng beieinander."

Wie nah auch Öl, Wohlstand und Panik, den Letzteren einzubüßen, beieinander liegen können, zeigen die Reaktionen auf die steigenden Rohöl-, Diesel- und Benzinpreise. "In Europa droht eine neu Ölkrise", mutmaßt die Welt und erinnert dabei an den Koalitionsvertrag von SPD und Grünen, der vorsieht, bei der Ökosteuer auch die Entwicklung der Energiepreise zu berücksichtigen. "Warum schaffen wir die Atomkraft ab, obwohl wir auf den Ölpreis keinen Einfluss haben", fragt schließlich Redakteur Nikolaus Blome in einem Kommentar. Es folgt ein Portrait der Opec, mit dem Titel: "Ein Kartell zeigt seine große Macht."

Keine Macht, den sinkenden Euro-Kurs aufzuhalten, hat nach Meinung des Handelsblatts die Politik. "Politik kann Euro nicht helfen", heißt es im Aufmacher. Aber vielleicht noch einen Schubs in Richtung Tal geben: So nennt das Blatt einen der Schuldigen der gegenwärtigen Währungskrise beim Namen. "Der Kanzler schadet dem Euro", übertitelt Hermann-Josef Knipper seinen Kommentar und stellt angesichts der lapidaren Äußerungen Gerhard Schröders zur Euro-Schwäche ("nicht schön") klar: "Er hat wichtiges Vertrauen auf den Devisenmärkten verspielt."

Einer, der eigentlich auch ausgespielt hatte, ist dafür nun wieder mit von der Partie: Kohl ist ab Montag wieder in Bundestag und Fraktion, erfährt man heute in allen Gazetten. Was vor Monaten wohl noch einen längeren Bericht nebst Kommentar wert gewesen wäre, nimmt jetzt allerdings kaum mehr zehn Zeilen ein.