Aus der Asche las der Präsident den Ansporn heraus. Nach dem Großbrand des Moskauer Fernsehturms in der vorigen Woche malte Wladimir Putin ein düsteres Bild der russischen Infrastruktur. Was einst der Stolz sowjetischer Ingenieurskunst gewesen sei, bekannte der Präsident, zerfalle nun vor aller Augen. "Deshalb müssen wir mit System in alle Richtungen arbeiten, um den Erfolg im Bereich der Wirtschaft herbeizuführen", so Putin. Seine Brandrede verpassten Millionen von Russen vor schwarzen Bildschirmen. Doch das Volk glaubt auch so, dass der drahtige Mann im Kreml hart arbeitet.

"Brillant", rief Gerhard Schröder dem russischen Premier zu

Zum großen Sprung hat er schon vor Wochen angesetzt. Der Präsident hat den ersten Teil der überfälligen Steuerreform durch beide Kammern des Parlaments gedrückt. Im Herbst folgt der zweite Streich der Abgabenreform, mit der die Umsatzsteuer von vier auf ein Prozent gesenkt werden soll und die geschröpften Unternehmen mehr Ausgaben abschreiben können.

Westliche Geschäftsleute in Moskau sind voll des Lobes über den frischen Mann im Kreml. Der deutschen Wirtschaft gelang es, auch das anfangs zögerliche Kanzleramt zu überzeugen. Auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Okinawa rief Gerhard Schröder dem russischen Präsidenten "Brillant!" zu und versprach eine neue Hermes-Kreditlinie in Höhe von einer Milliarde Mark. Da flogen die Champagnerkorken in den Moskauer Vertretungen deutscher Unternehmen. Die schlichten Zahlen sehen gut aus: Für dieses Jahr sagt die Regierung ein Wirtschaftswachstum von 5,5 Prozent voraus. Zwar ist die private Nachfrage seit dem Rubelabsturz 1998 kaum gestiegen, aber der hohe Ölpreis füllt die Kassen des Staates und der Energiekonzerne. Westliche Exporteure hoffen, dass der sympathisch lächelnde Putin mit dem großen Hobel Ordnung schafft, um dem Chaos, der Mafia und allen Halunken Eurasiens den Garaus zu machen.

Von "Ordnung" reden auch russische Ökonomen, die meinen, ihr Land sei unter Boris Jelzin an einer Überdosis individueller Freiheit gescheitert. Ihr Rezept ist das chinesische, als Würze empfehlen sie eine Prise Pinochet. Doch kann in Russland eine liberale Wirtschaft blühen unter dem Dach eines illiberalen Staates?

Wladimir Putin hält sich für fortschrittlich, nennt aber auch den Nordkoreaner Kim Jong Il einen "absolut modernen Mann". Was also ist "modern" nach Putins Fasson? Der gelernte Jurist und professionelle Staatsschützer denkt die Wirtschaft von seinem Schreibtisch aus. Wenn der Staat zerfällt, sagt Putin, könne die Wirtschaft nicht blühen. Umgekehrt gilt: Wenn der Staat stark ist, gedeiht auch die Wirtschaft. Aus dieser Gleichung entstanden die Prinzipien des Putinismus: "der Staat als Motor allen Wandels" und "die Diktatur des Gesetzes".

Das Triebwerk Staat macht Putin derzeit in einer Grundüberholung startklar. Um die "Dezentralisierung" Russlands aufzuhalten, hat Putin den 89 Regionen sieben präsidiale Aufpasser vorangestellt. Bisher behinderten selbstherrliche Regionalfürsten mit egoistischen Erlassen Handel und Investitionen in Russland. Nun kann Putin jeden Gouverneur absetzen, dem ein Gericht Gesetzesverstöße nachweist. Die Steuerreform beschneidet empfindlich den Anteil der Regionen am Staatseinkommen. Reiche Provinzen müssen ihre Einnahmen erst in die Bundeskasse zahlen, um einen Teil später als föderales Almosen zurückzubekommen. Dies stärkt die "Machtvertikale", welche in Putin gipfelt.