Aber weder ein Etappensieg bei dieser Abstimmung noch das vorausgegangene Bauernopfer, das Koch mit dem Rücktritt des Chefs seiner Staatskanzlei seinem liberalen Koalitionspartner bringen musste, wird die Angelegenheit schon zur Ruhe bringen. Es gibt ja schließlich noch Akten ... Aber davon abgesehen, stellt sich die prinzipielle Frage, wie viel ein Politiker n i c h t wissen darf und was das ist: politische Verantwortung.

Dass Roland Koch damals, als er den Landesvorsitz der hessischen CDU übernahm, die illegalen Geldverschiebungen nach der Schweiz (und zurück) weder verschuldet noch gekannt hatte, das war ihm abzunehmen. Ob er wirklich davon nur so viel (und so spät) erfuhr, wie er selber einräumte, das bleibt nach wie vor umstritten. Und dass er sich zur "brutalstmöglichen Aufklärung" erst entschloss, als alle Buchungstricks nicht mehr ausreichten, die wahre Sachlage zu verschleiern, liegt längst auf der Hand. Da kann man sich allenfalls fragen: Wie viel Unwissen ist wirklich strafbar? Doch von dem Augenblick an, von dem an Koch – wie die Juristen sagen – böswillig gemacht worden war, von dem an er also wusste: Es ist etwas faul im Staate Dänemark ... pardon: in der CDU Hessens - von diesem Augenblick an musste er andere Saiten aufziehen. Wenn man nun aber hört, dass zum Beispiel selbst nach dem Jahresbeginn Kassenbücher abhanden kamen (oder genauer: gebracht wurden) und hernach freihändig "rekonstruiert" wurden, dann stellt sich doch ernstlich die Frage: Wollte oder konnte Roland Koch wenigstens vom Tage nach den Enthüllungen an saubere Verhältnisse ernstlich durchsetzen?

Selbst konservative Beobachter hatten Koch empfohlen, er solle doch den Landesvorsitz seiner Partei über solchen Fragen aufgeben, um das Amt des Ministerpräsidenten behalten zu können. Doch das war ein verzwickter Rat. Dann hätte man erst recht fragen müssen: Wie will jemand, der seine eigene Parteikasse nicht in Ordnung halten kann, das ganze Land glaubwürdig regieren? Politische Verantwortung beschränkt sich jedenfalls nicht darauf, dass man selber keine krummen Dinger dreht, sondern richtet sich auch darauf zu verhindern, dass andere dies tun; und es kommt nicht nur darauf an, ob man selber etwas gewusst hat, sondern auch auf die Frage, ob man es hätte wissen können – oder müssen. All diese Gesichtspunkte werden in der Landtagssitzung heute keine machtvolle Rolle spielen. Da gilt eher als Motto der alte Sponti-Spruch: "Wissen ist Macht. Ich weiß nichts. Macht nichts." Aber auch große Sprüche werden eines Tages fadenscheinig.