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Man erinnert sich noch: 1998 hatte Präsident Jelzin die Überreste des letzten Zaren und seiner Familie in einem feierlichen Staatsakt in der Peters- und-Pauls-Feste in Sankt Petersburg beisetzen lassen. Es war auf den Tag genau 80 Jahre nach dem Massaker an Nikolaus II. und seinen nächsten Angehörigen. In seiner offiziellen Ansprache hob der ehemalige Kommunist Jelzin hervor, dass "viele glorreiche Seiten in der Geschichte des Vaterlands mit dem Namen Romanow verbunden sind" und "wir alle vor der historischen Erinnerung des Volks die Verantwortung tragen".

Die russisch-orthodoxe Kirche hatte ihre Beteiligung an der Beisetzungszeremonie im letzten Augenblick zurückgezogen mit der Begründung, die Identität der Knochen ließe sich nicht garantieren; außerdem riefe das Unternehmen in der Gesellschaft Zweifel und Unruhe hervor. Auch die Heiligsprechung des letzten Zaren als Märtyrer, die eine extrem nationalistische Minderheit innerhalb der Kirche seit einigen Jahren forderte, lehnte das Moskauer Patriarchat damals ab. Dazu müßte an der Grabstelle ein Wunder geschehen, sagte der Metropolit Jouvenal. Man solle die Gebeine begraben, wenn dann ein Wunder geschehe, könne man sicher sein, dass es sich um die des Zaren handle.

Jetzt, nur zwei Jahre später beschließt das Bischofskonzil der russischen Kirche die Heiligsprechung Nikolaus II. Desgleichen sollen seine Familie und andere "Märtyrer des Kommunismus" kanonisiert werden, rund 500 Priester sowie einige Laien, die sich in den zwanziger Jahren kraft ihres Glaubens Lenins antireligiöser Politik widersetzten.

Ist in der Zwischenzeit ein Wunder geschehen? Oder soll die Heiligsprechung Nikolaus II. eine Art Vergangenheitsbewältigung auf Russisch-National oder besser Russisch-Orthodox symbolisieren? Geht es vielleicht um eine Arbeitsteilung zwischen Kirche und Staat im Hinblick auf den Umgang mit Geschichte? Das Moskauer Patriarchat trüge dann für Fragen der Moral und Ethik die Verantwortung - wozu auch die Reue für die Verbrechen des Kommunismus gehören würde - und Putin für die Restauration von Großmachttradition und nationaler Größe. Besteht vielleicht sogar ein Abkommen, wonach die Kirche als Gegenleistung für die Heiligsprechung den Fortbestand des Lenin-Mausoleums hinnimmt? Immerhin hat sie seit dem Beginn von Putins Präsidentschaft nicht einmal gegen das gottlose Zurschaustellen des Toten protestiert.

Als Putin nach der offiziellen Zeremonie seiner Amtsübernahme im Krönungssaal des Moskauer Kreml in einer der historischen Kathedralen auch den speziellen Segen des Patriarchen einholte, gemahnte ihn dieser, stets "der großen Verantwortung des Herrschers vor Volk, Geschichte und Gott" eingedenk zu sein. "Das Volk setzt seine Hoffnung auf Sie, es glaubt an Sie", predigte Alexis II.; "helfen Sie, sich der Seele des Volks zu öffnen, das bis heute nach Wahrheit, Frieden, Liebe und Schönheit strebt; kümmern Sie sich nicht nur um das materielle, sondern auch um das geistige Wohlergehen des Volks". Seinerseits versprach der Patriarch, dass "die russisch-orthodoxe Kirche der weltlichen Macht unabdingbar in den Unternehmen helfen wird, die auf die Wiedergeburt des Heimatlands gerichtet sind" - des "großen Russ-land".

Kurz nach seinem Machtantritt bezeichnete Putin denn auch die wirtschaftliche Gesundung des Lands als "ideologische, geistige und moralische Aufgabe". Eine "neue russische Idee" solle als konsolidierende Kraft fungieren und das zerrissene Volk einigen. "Patriotismus", "Glauben an Russlands Größe" und den "starken Staat" als Garant seiner Ordnung sind die unentwegt wiederkehrenden Stichworte von Putins Reden, denen bisher allerdings noch immer kein fest umrissenes Programm zu entnehmen ist. In dem von ihm redigierten Konzept der Staatssicherheit bezeichnet Putin die "geistige und moralische Bildung der Bevölkerung" als Prärogativ der staatlichen Politik. Hierzu gehört für ihn ebenfalls, die Tätigkeit westlicher religiöser Gemeinschaften auf russischem Boden wie ganz allgemein die religiöse Freiheit stärker als zuvor einzuschränken - was genau den Forderungen der Kirche entspricht.

Die russische Gesellschaft ist seit der Perestrojka einen langen Weg gegangen: von der Hoffnung auf Demokratisierung zum Ruf nach dem autoritären Staat; von Gorbatschows Postulat eines "gemeinsamen europäischen Hauses" zu Putins "neuer russischer Idee". Als Gorbatschow 1988 mit der Tausendjahrfeier der Christianisierung Russlands die orthodoxe Kirche offiziell in die Öffentlichkeit zurückholte, war das als symbolträchtiges patriotisches Ereignis gemeint. In der Kirche wurde das Fundament der nationalen Geschichte gesehen, eine kulturelle Kraft und die Verkörperung der moralischen, geistigen Werte der - damals noch sowjetischen - Gesellschaft. Die Perestrojka strebte einen Rechtsstaat an, Gorbatschow verabschiedete ein Gesetz über die "Freiheit des Gewissens und der religiösen Vereinigungen", das dem Staat den Eingriff in religiöse Angelegenheiten untersagte.

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Als die Absage an den Kommunismus mit der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 ein ideologisches Vakuum hinterließ, wurde dieses zunehmend vom orthodoxen Christentum gefüllt. Es stiftete ein geistiges und nationales Gemeinschaftsgefühl, und gleichzeitig verkörperte es die historische Kontinuität mit dem Russland vor 1917. Seither markiert die Orthodoxie die russische Identität und gilt als Wahrerin der nationalen Einheit. Führende Politiker fühlen sich deshalb verpflichtet, der Kirche zu huldigen, die aus Meinungsumfragen als die respektierteste Institution Russlands hervorgeht. Wie einst im Russland der Zaren ist heute die Verbindung von orthodoxem Glauben (beziehungsweise Glaubensbekenntnis) und nationaler Identität wieder verpflichtend: Russisch ist orthodox, und orthodox ist russisch.

Gorbatschows liberales Religionsgesetz wurde inzwischen schon zweimal revidiert, jedes Mal zum Vorteil der Orthodoxie und Nachteil westlicher Religionsgruppen. Als "untrennbarem Bestandteil des historischen geistigen und kulturellen Erbes" - und nicht als institutionalisierter Religion - wird der Orthodoxie heute von Kommunisten wie von Demokraten Rechnung getragen. Heute ist selbst der Diskurs der Liberalen, sofern von ihnen noch die Rede sein kann, patriotisch und national orientiert.

Schon seit 1992 lautete zum Beispiel die Parole von Alexander Jakowlew, Gorbatschows Hauptberater für die Politik der Glasnost: "In die Geschichte zurückkehren". Das ehemalige Politbüro behauptete, dass der sowjetische Kommunismus keine Geschichte gehabt hätte und keine Geschichte gewesen sei - eine Behauptung, für die russische Dissidenten ins Gefängnis gekommen waren. Heute wird die historische und rechtliche Legitimität der Russischen Föderation vor allem in der Rückbindung an das vorrevolutionäre Russland gesehen.

Die neunziger Jahre, "Jelzins Russland", sind geradezu durch die "Erfindung" von Traditionen gekennzeichnet. Arme russische Städte leisteten sich kostspielige Inszenierungen von großen russischen Siegen: Alexander Nevskij über den deutschen Ritterorden, Dmitrij Donskoj über die Tataren, Kutuzow über die napoleonische Armee. Der 850. Jahrestag Moskaus wurde als tagelanges patriotisches Spektakel begangen. Die exakte Rekonstruktion der von Stalin zerstörten Christus-Erlöser-Kathedrale, die im 19. Jahrhundert zum Gedächtnis an Russ-lands Sieg über die napoleonische Armee errichtet worden war, verkörpert die Idee der ewigen Kontinuität vom orthodoxen und imperialen Russland. Zu ihrer Einweihung gaben sich Patriarch Alexij II., Präsident Jelzin und Moskaus Bürgermeister Lushkow die Hand, symbolisierten damit die byzantinische "Sinfonie" von weltlicher und geistlicher Macht und das Anknüpfen an vorrevolutionäre Traditionen.

Der Zar wird heilig gesprochen, der Kommunismus verdrängt

Zu sowjetischen Zeiten geschmähte soziale Klassen wie Adel, Kaufleute, Kosaken kommen ins historische Gedächtnis zurück, während die Oktoberrevolution die Erinnerung zu verlassen hat. Sieben Jahrzehnte legitimierte sie den Sow-jetstaat, heute gilt sie als Staatsstreich. Historische Museen werden entsprechend umgestaltet. In den Schaukästen mit Kultobjekten der bolschewistischen Partei wird jetzt eine Parteienvielfalt des vorrevolutionären Russland dokumentiert, die jedem parlamentarischen System zur Ehre gereichte. Die Romanows und hohe Würdenträger der Autokratie erfahren eine kaum verdiente Würdigung. Mit der Auseinandersetzung über die jüngste Vergangenheit, vor allem der Verantwortung für die Verbrechen des Kommunismus, will das offizielle Russland nichts zu tun haben. Das bleibt Privatpersonen überlassen, zum Beispiel den Mitgliedern der Gesellschaft Memorial, die in vorbildlicher, vom Staat jedoch nicht geförderter Arbeit die Opfer des Gulag und seiner Folgen "registrieren" und ihnen Museen und Denkmäler errichten. Zwar haben Historiker, zumeist aus der jüngeren Generation, nach Öffnung der Archive aufschlussreiche Quellensammlungen über die politischen Repressionsapparate veröffentlicht. Doch von den politisch Verantwortlichen werden sie ignoriert.

Die propagieren stattdessen die "russische Idee", die der oft verzweifelt anmutenden Suche nach nationaler Identität im Prozess eines neuen nation-building als Fundament dienen soll. "Identität" (identicnost) wurde im letzten Jahrzehnt zum modischen Schlagwort, auch wenn es im Russischen ungelenk klingt und der Bedeutung in westeuropäischen Sprachen nicht recht entspricht. Historische Identität bezieht sich vor allem auf Symbole der Macht, den starken Staat, das Imperium - wobei in der "kollektiven" Erinnerung das autokratische und das sowjetische Imperium immer stärker ineinander übergehen.

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Die ungebrochene Kontinuität der Staatsmacht seit Anbeginn der russischen Geschichte lag auch dem Wettbewerb zugrunde, den Präsident Jelzin 1996 für die "beste Idee für Russland" ausschreiben ließ. Diese sollte auf die alle Russen quälenden Fragen nach dem "Wohin gehen wir?", "Wer sind wir?" eine national gültige Antwort geben. Als Begründung hatte er auf die verschiedenen Perioden der russischen Geschichte verwiesen: "Monarchie, Kommunismus, Perestrojka. Jede Etappe hatte ihre Ideologie. Nur heute haben wir keine Ideologie." Es ging Jelzin um die Staatsidee für das postsowjetische Russland und "Russlands Wiedergeburt". Keine vier Jahre später verkündet Putin auf der Web-Seite der russischen Regierung als Grundlage für sein Regierungsprogramm die feste Überzeugung, dass die Spaltung der Gesellschaft nur durch eine für alle verbindliche nationale Idee zu überwinden sei, die "russische Idee", die für Russen "ebenso wie für Tataren, Baschkiren und Tschetschenen gilt".

Juristen, Politologen, Philosophen und Anthropologen aus unterschiedlichen politischen Lagern führen die russländische Staatlichkeit der Russischen Föderation auf die Großmachtstaatlichkeit des russischen Imperiums zurück, was den nichtrussischen Ethnien - wie den Tschetschenen - das Recht auf die Bildung eines eigenen Staates versagt. Als Rechtfertigung dient die Priorität geistig-moralischer Werte des in Jahrhunderten geschaffenen Zivilisationsprozesses, den die russische Nation im multinationalen Imperium verwirklichte. Dieser staatliche Patriotismus wird als vereinigende Idee der Interessen der russländischen Gesellschaft verstanden.

Es hat in der postsowjetischen Periode bisher kaum detaillierte und konkrete Vorstellungen darüber gegeben, wie das zukünftige Russland aussehen soll. Mangels einer liberal-demokratischen Leitidee gibt es nur den einen Konsens: Russland als einheitlichen Staat zu bewahren. Zu diesem Zweck wird auch die Geschichte mobilisiert. Die Erfahrung von vermeintlicher nationaler Erniedrigung und machtpolitischer Demütigung führt zur Suche nach Wertvorstellungen in der russischen Vergangenheit. "Je größer die Demütigung im Alltagsleben, desto größer der Bedarf an Symbolen der Größe und die Erinnerung daran, dass wir einst eine Macht waren", schrieb der Politologe Alexander Tzipko anlässlich der Machtübernahme Putins in einem Leitartikel der "liberalen" Literaturnaja gasjeta.

Die "russische Idee" wird auch bewusst als Antwort auf "den Westen" eingesetzt. Nicht nur Patrioten, Nationalisten und Kommunisten, sondern zunehmend mehr russische "Westler" sind heute von der Eigenständigkeit der russischen Seinsart (russkost) überzeugt und setzen auf Russlands Sonderweg und seine eurasische Identität. Die orthodoxe Religion als Merkmal der russischen Eigenheit - das "Heilige Russland", das "orthodoxe Reich" - verpflichtet Russland überdies zu einer Führungsrolle innerhalb der christlich-orthodoxen Zivilisation. Nicht zuletzt deshalb wird von diesem Herbst an die Disziplin Theologie an allen höheren Bildungsinstitutionen des Landes eingeführt.

Für die bereits 1994 als Pflichtfach eingeführte "Kulturologie", die an die Stelle der marxistisch-leninistisch orientierten Staatsbürgerkunde trat, dient die "russische Idee" zur Untermauerung der kulturellen Identität Russlands. Russland wird als eigenständiger "Organismus" dargestellt, als besonderer Zivilisationstyp mit einer eigenen kulturhistorischen und sittlichen Tradition. Der spezifisch russische Sinn für Gemeinschaft wird dem westlichen Individualismus gegenübergestellt, die Geistigkeit der Orthodoxie dem westlichen Materialismus. Slawophile Konzepte aus dem 19. Jahrhundert gehen in der "Kulturologie" eine eklektische Verbindung mit dem Eurasismus ein, den russische Emigranten nach 1917 lehrten. Das neue kulturalistische Paradigma soll durch Sinnstiftung einen Ausweg aus der Krise der Gesellschaft zeigen.

Mit Patriotismus gegen hausgemachte Katastrophen

Haben die politischen Eliten in den ersten Jahren nach 1991 den Bezug auf den sowjetischen Staat nahezu ausgeklammert, so sind in letzter Zeit zunehmend mehr Verweise auf die Staatsmacht der alten UdSSR zu lesen. Das gilt durchaus nicht nur für Kommunisten, sondern auch für Liberale aus dem Umkreis Jelzins. So wehrt sich Sergej Kortunow, Ratgeber des Präsidentenbüros, gegen den "Mythos", dass die 75 Jahre kommunistischer Herrschaft eine ausschließlich unehrenhafte und negative Periode gewesen seien. Putin selbst hat noch als Minis-terpräsident die "Errungenschaften" der sowjetischen Ära gerühmt. Einmal im Kreml installiert (wo er sich den Kameras gern unter dem Porträt Peters des Großen zeigt), rühmte er diesen als "heiligen Ort für unser Volk" und "Hort unseres nationalen Gedächtnisses". Die über Jahrhunderte in den Kreml-Mauern festgelegte Geschichte dürfe niemals geleugnet werden. "Wir müssen von der Geschichte lernen und uns stets an diejenigen erinnern, die den russischen Staat schufen, seine Ehre verteidigten und ihn groß, stark und mächtig machten." Einen Tag nach der "historischen" Ansprache anlässlich seiner Machteinsetzung nahm Putin den Ehrenvorsitz über die Siegesfeiern zum 9. Mai wahr - die Planung der nationalen Symbolik war perfekt.

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Die "russische Idee" als ein die Krisengesellschaft konsolidierendes Modell ist letztlich ein so vages und diffuses Konzept, dass sämtliche politische Parteien und auch die Kirche sich seiner hemmungslos bedienen. Die "russische Idee" benennt jedoch kein Zukunftsprojekt, auch kein neues Russland; sie ist eine rückwärts gewandte Utopie und hält an einer überlebten Reichsidee fest. Die Vorstellung von 1991 als Revolution für das neue Russland ist mit Putins neu-alter "russischer Idee" begraben. Der Schritt aus der sowjetischen Mentalität wurde nicht gemacht. Angesichts der bitteren Realität der Havarie in der Barentssee erweist sich die Berufung auf die patriotische Staatsmacht als anachronistisches Relikt des Kalten Kriegs. Die Illusion vom Weltmachtanspruch der geschädigten russischen Marine entkräfteten russische Mütter und Ehefrauen, denen als einzige Hoffnung die Hilfe britischer und norwegischer Rettungs-U-Boote blieb.

Wo ist Putins großer und mächtiger Staat, der "in Russlands genetischem Code verankert ist"? Wo die starke Hand, die die Mehrzahl der ausländischen Bürger mit Putins Wahl zu finden glaubte? Selten zuvor lag die Desorganisation der russischen Staatsmacht deutlicher vor Augen. Die Rauchschwaden des brennenden Moskauer Fernsehturms, Verkörperung der Kontinuität von sowjetischer Größe und Technologie - sind sie das Symbol für Russlands eigenen, von westlichen Modellen unabhängigen Weg, den Putin beschwört? Was schließlich vermögen sein "Patriotismus" und sein "Glaube an Russlands Größe" gegenüber dieser keineswegs naturbedingten Anhäufung von Katastrophen zu bewirken? Putin muss sich auf diese Fragen etwas anderes einfallen lassen als eine "neue russische Idee".