Als die Absage an den Kommunismus mit der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 ein ideologisches Vakuum hinterließ, wurde dieses zunehmend vom orthodoxen Christentum gefüllt. Es stiftete ein geistiges und nationales Gemeinschaftsgefühl, und gleichzeitig verkörperte es die historische Kontinuität mit dem Russland vor 1917. Seither markiert die Orthodoxie die russische Identität und gilt als Wahrerin der nationalen Einheit. Führende Politiker fühlen sich deshalb verpflichtet, der Kirche zu huldigen, die aus Meinungsumfragen als die respektierteste Institution Russlands hervorgeht. Wie einst im Russland der Zaren ist heute die Verbindung von orthodoxem Glauben (beziehungsweise Glaubensbekenntnis) und nationaler Identität wieder verpflichtend: Russisch ist orthodox, und orthodox ist russisch.

Gorbatschows liberales Religionsgesetz wurde inzwischen schon zweimal revidiert, jedes Mal zum Vorteil der Orthodoxie und Nachteil westlicher Religionsgruppen. Als "untrennbarem Bestandteil des historischen geistigen und kulturellen Erbes" - und nicht als institutionalisierter Religion - wird der Orthodoxie heute von Kommunisten wie von Demokraten Rechnung getragen. Heute ist selbst der Diskurs der Liberalen, sofern von ihnen noch die Rede sein kann, patriotisch und national orientiert.

Schon seit 1992 lautete zum Beispiel die Parole von Alexander Jakowlew, Gorbatschows Hauptberater für die Politik der Glasnost: "In die Geschichte zurückkehren". Das ehemalige Politbüro behauptete, dass der sowjetische Kommunismus keine Geschichte gehabt hätte und keine Geschichte gewesen sei - eine Behauptung, für die russische Dissidenten ins Gefängnis gekommen waren. Heute wird die historische und rechtliche Legitimität der Russischen Föderation vor allem in der Rückbindung an das vorrevolutionäre Russland gesehen.

Die neunziger Jahre, "Jelzins Russland", sind geradezu durch die "Erfindung" von Traditionen gekennzeichnet. Arme russische Städte leisteten sich kostspielige Inszenierungen von großen russischen Siegen: Alexander Nevskij über den deutschen Ritterorden, Dmitrij Donskoj über die Tataren, Kutuzow über die napoleonische Armee. Der 850. Jahrestag Moskaus wurde als tagelanges patriotisches Spektakel begangen. Die exakte Rekonstruktion der von Stalin zerstörten Christus-Erlöser-Kathedrale, die im 19. Jahrhundert zum Gedächtnis an Russ-lands Sieg über die napoleonische Armee errichtet worden war, verkörpert die Idee der ewigen Kontinuität vom orthodoxen und imperialen Russland. Zu ihrer Einweihung gaben sich Patriarch Alexij II., Präsident Jelzin und Moskaus Bürgermeister Lushkow die Hand, symbolisierten damit die byzantinische "Sinfonie" von weltlicher und geistlicher Macht und das Anknüpfen an vorrevolutionäre Traditionen.

Der Zar wird heilig gesprochen, der Kommunismus verdrängt

Zu sowjetischen Zeiten geschmähte soziale Klassen wie Adel, Kaufleute, Kosaken kommen ins historische Gedächtnis zurück, während die Oktoberrevolution die Erinnerung zu verlassen hat. Sieben Jahrzehnte legitimierte sie den Sow-jetstaat, heute gilt sie als Staatsstreich. Historische Museen werden entsprechend umgestaltet. In den Schaukästen mit Kultobjekten der bolschewistischen Partei wird jetzt eine Parteienvielfalt des vorrevolutionären Russland dokumentiert, die jedem parlamentarischen System zur Ehre gereichte. Die Romanows und hohe Würdenträger der Autokratie erfahren eine kaum verdiente Würdigung. Mit der Auseinandersetzung über die jüngste Vergangenheit, vor allem der Verantwortung für die Verbrechen des Kommunismus, will das offizielle Russland nichts zu tun haben. Das bleibt Privatpersonen überlassen, zum Beispiel den Mitgliedern der Gesellschaft Memorial, die in vorbildlicher, vom Staat jedoch nicht geförderter Arbeit die Opfer des Gulag und seiner Folgen "registrieren" und ihnen Museen und Denkmäler errichten. Zwar haben Historiker, zumeist aus der jüngeren Generation, nach Öffnung der Archive aufschlussreiche Quellensammlungen über die politischen Repressionsapparate veröffentlicht. Doch von den politisch Verantwortlichen werden sie ignoriert.

Die propagieren stattdessen die "russische Idee", die der oft verzweifelt anmutenden Suche nach nationaler Identität im Prozess eines neuen nation-building als Fundament dienen soll. "Identität" (identicnost) wurde im letzten Jahrzehnt zum modischen Schlagwort, auch wenn es im Russischen ungelenk klingt und der Bedeutung in westeuropäischen Sprachen nicht recht entspricht. Historische Identität bezieht sich vor allem auf Symbole der Macht, den starken Staat, das Imperium - wobei in der "kollektiven" Erinnerung das autokratische und das sowjetische Imperium immer stärker ineinander übergehen.