Die ungebrochene Kontinuität der Staatsmacht seit Anbeginn der russischen Geschichte lag auch dem Wettbewerb zugrunde, den Präsident Jelzin 1996 für die "beste Idee für Russland" ausschreiben ließ. Diese sollte auf die alle Russen quälenden Fragen nach dem "Wohin gehen wir?", "Wer sind wir?" eine national gültige Antwort geben. Als Begründung hatte er auf die verschiedenen Perioden der russischen Geschichte verwiesen: "Monarchie, Kommunismus, Perestrojka. Jede Etappe hatte ihre Ideologie. Nur heute haben wir keine Ideologie." Es ging Jelzin um die Staatsidee für das postsowjetische Russland und "Russlands Wiedergeburt". Keine vier Jahre später verkündet Putin auf der Web-Seite der russischen Regierung als Grundlage für sein Regierungsprogramm die feste Überzeugung, dass die Spaltung der Gesellschaft nur durch eine für alle verbindliche nationale Idee zu überwinden sei, die "russische Idee", die für Russen "ebenso wie für Tataren, Baschkiren und Tschetschenen gilt".

Juristen, Politologen, Philosophen und Anthropologen aus unterschiedlichen politischen Lagern führen die russländische Staatlichkeit der Russischen Föderation auf die Großmachtstaatlichkeit des russischen Imperiums zurück, was den nichtrussischen Ethnien - wie den Tschetschenen - das Recht auf die Bildung eines eigenen Staates versagt. Als Rechtfertigung dient die Priorität geistig-moralischer Werte des in Jahrhunderten geschaffenen Zivilisationsprozesses, den die russische Nation im multinationalen Imperium verwirklichte. Dieser staatliche Patriotismus wird als vereinigende Idee der Interessen der russländischen Gesellschaft verstanden.

Es hat in der postsowjetischen Periode bisher kaum detaillierte und konkrete Vorstellungen darüber gegeben, wie das zukünftige Russland aussehen soll. Mangels einer liberal-demokratischen Leitidee gibt es nur den einen Konsens: Russland als einheitlichen Staat zu bewahren. Zu diesem Zweck wird auch die Geschichte mobilisiert. Die Erfahrung von vermeintlicher nationaler Erniedrigung und machtpolitischer Demütigung führt zur Suche nach Wertvorstellungen in der russischen Vergangenheit. "Je größer die Demütigung im Alltagsleben, desto größer der Bedarf an Symbolen der Größe und die Erinnerung daran, dass wir einst eine Macht waren", schrieb der Politologe Alexander Tzipko anlässlich der Machtübernahme Putins in einem Leitartikel der "liberalen" Literaturnaja gasjeta.

Die "russische Idee" wird auch bewusst als Antwort auf "den Westen" eingesetzt. Nicht nur Patrioten, Nationalisten und Kommunisten, sondern zunehmend mehr russische "Westler" sind heute von der Eigenständigkeit der russischen Seinsart (russkost) überzeugt und setzen auf Russlands Sonderweg und seine eurasische Identität. Die orthodoxe Religion als Merkmal der russischen Eigenheit - das "Heilige Russland", das "orthodoxe Reich" - verpflichtet Russland überdies zu einer Führungsrolle innerhalb der christlich-orthodoxen Zivilisation. Nicht zuletzt deshalb wird von diesem Herbst an die Disziplin Theologie an allen höheren Bildungsinstitutionen des Landes eingeführt.

Für die bereits 1994 als Pflichtfach eingeführte "Kulturologie", die an die Stelle der marxistisch-leninistisch orientierten Staatsbürgerkunde trat, dient die "russische Idee" zur Untermauerung der kulturellen Identität Russlands. Russland wird als eigenständiger "Organismus" dargestellt, als besonderer Zivilisationstyp mit einer eigenen kulturhistorischen und sittlichen Tradition. Der spezifisch russische Sinn für Gemeinschaft wird dem westlichen Individualismus gegenübergestellt, die Geistigkeit der Orthodoxie dem westlichen Materialismus. Slawophile Konzepte aus dem 19. Jahrhundert gehen in der "Kulturologie" eine eklektische Verbindung mit dem Eurasismus ein, den russische Emigranten nach 1917 lehrten. Das neue kulturalistische Paradigma soll durch Sinnstiftung einen Ausweg aus der Krise der Gesellschaft zeigen.

Mit Patriotismus gegen hausgemachte Katastrophen

Haben die politischen Eliten in den ersten Jahren nach 1991 den Bezug auf den sowjetischen Staat nahezu ausgeklammert, so sind in letzter Zeit zunehmend mehr Verweise auf die Staatsmacht der alten UdSSR zu lesen. Das gilt durchaus nicht nur für Kommunisten, sondern auch für Liberale aus dem Umkreis Jelzins. So wehrt sich Sergej Kortunow, Ratgeber des Präsidentenbüros, gegen den "Mythos", dass die 75 Jahre kommunistischer Herrschaft eine ausschließlich unehrenhafte und negative Periode gewesen seien. Putin selbst hat noch als Minis-terpräsident die "Errungenschaften" der sowjetischen Ära gerühmt. Einmal im Kreml installiert (wo er sich den Kameras gern unter dem Porträt Peters des Großen zeigt), rühmte er diesen als "heiligen Ort für unser Volk" und "Hort unseres nationalen Gedächtnisses". Die über Jahrhunderte in den Kreml-Mauern festgelegte Geschichte dürfe niemals geleugnet werden. "Wir müssen von der Geschichte lernen und uns stets an diejenigen erinnern, die den russischen Staat schufen, seine Ehre verteidigten und ihn groß, stark und mächtig machten." Einen Tag nach der "historischen" Ansprache anlässlich seiner Machteinsetzung nahm Putin den Ehrenvorsitz über die Siegesfeiern zum 9. Mai wahr - die Planung der nationalen Symbolik war perfekt.