50 Jahre Aspen Institute – Seite 1

Aspen, Colorado, Ende August. Vor 120 Jahren war Aspen ein blühendes Silberbergwerksstädtchen in den Rocky Mountains. Es zählt 11.000 Einwohner, besaß ein Opernhaus, ein Edelbordell und mehrere einschlägige Etablissements minderer Güteklasse. Über der Bar im alten Hotel Jerome sind heute noch Einschüsse von damals zu sehen.

Die Herrlichkeit ging zu Ende, als die Vereinigten Staaten im Jahre 1893 vom Silberstandard abgingen. Die Prospektoren verzogen sich, die Einwohnerzahl sank auf rund 1000 Seelen, das Städtchen verfiel, bis es vor dem Zweiten Weltkrieg von dem Chicagoer Kartonnagen-Kaiser Walter Paepcke wiederentdeckt wurde. Als Paepcke - Sohn mecklenburgischer Einwanderer - Ende der dreißiger Jahre von seiner Ranch in Colorado aus in das verschlafene Bergstädtchen kam, begeisterte ihn die alpine Kulisse, die Fülle der heruntergekommenen, aber noch immer gut erhaltenen Häuser, der Silberglanz seiner Geschichte. Er beschloss, in Aspen einen Zufluchtsort "für die Besten" zu schaffen und begann unmittelbar nach Kriegsende damit, Grundstücke aufzukaufen.

Während des Krieges hatte die 10. Gebirgsjägerbrigade der US-Army in Aspen geübt. Ein österreichischer Skilehrer namens Friedel Pfeifer war der Ausbilder. Er lernte Paepcke kennen und redete ihm ein, in Aspen eine Skischule zu gründen. Dies geschah, und im Januar 1947 wurde der erste Skilift eröffnet. Die alte Silberbergwerksstadt wurde auf einmal chic.

Walter Paepcke war mit Robert Hutchins, dem Präsidenten der University of Chicago, und dem Philosophen Mortimer Adler befreundet. Die beiden hatten die "Großen Bücher" der Weltliteratur zur Pflichtlektüre im College-Kurs gemacht, Paepcke diente der Great Books Foundation nach 1947 als Vize-Präsident und brachte die Stiftung im Hauptquartier seiner Firma unter.

Privat trafen sich Hutchins, Adler, Paepcke und eine Reihe erfolgreicher Geschäftsleute einmal monatlich im Fat Men's Club - einem Club der Dicken, wobei das Adjektiv "dick" weniger auf die Leibesfülle als auf den Umfang der Brieftaschen gemünzt war.

Irgendwann im Jahre 1948 unterhielten sie sich in ihrer Runde über das Thema "Deutschland - wohin?". Hutchins sprach fließend deutsch und war ein vorzüglicher Kenner der deutschen Literatur. Adler hatte viele deutsche Schriftsteller in die Reihe seiner Großen Bücher aufgenommen. Und alle drei wollten sie gern Albert Schweitzer nach Amerika locken. So kamen sie auf die Idee, ihn zu Goethes 200. Geburtstag nach Amerika einzuladen und den Weisen von Weimar mit einem großen Symposium zu ehren. Hutchins rühmte Albert Schweitzer - der Amerika nur dieses eine einzige Mal besuchte - als den "wiedergeborenen Goethe", der die moderne Welt aus der doppelten Gefahr des Zeitalters erlösen könnte: "in die Luft gesprengt zu werden oder an Langeweile einzugehen". Paepcke übernahm die Reisekosten Schweitzers - unter der Bedingung allerdings, dass die Feierlichkeit in Aspen abgehalten würde.

An der Veranstaltung nahmen neben dem Urwalddoktor Schweitzer, dem die Höhe von 2000 Metern zu schaffen machte, der aber auf die 10.000 Dollar Honorar für sein Hospital in Lambaréné nicht verzichten wollte, viele andere Geistesgrößten teil: darunter Thomas Mann, José Ortega y Gasset, der amerikanische Dramatiker Thornton Wilder. Über 2000 Gäste reisten an. Gern nahmen sie mit bescheidenen Unterkünften vorlieb. Drei Wochen lang gab es Vorträge Lesungen, Diskussionen. Philosophierend wanderten die Teilnehmer durchs Tal des Roaring Fork River - wie einst Sokrates mit seinen Schülern auf der Athener Agora.

50 Jahre Aspen Institute – Seite 2

Die Goethe-Feier begründete den Ruf Aspens als intellektuelles Zentrum einer humanistischen Weltsicht. Zugleich gab das Minneapolis Symphony Orchestra in einem besseren Zirkuszelt, das der finnische Architekt Saarinen entworfen hatte, jeden Tag unter der Leitung von Dimitri Mitropoulos ein Konzert. So entstand die Verbindung von Philosophie und Musik, Geist und Seele gleichsam, die noch heute, wenn der Pulverschnee auf dem Aspen Mountain weggeschmolzen ist und die Skifahrer sich verzogen haben, die Sommersaison prägt.

Im folgenden Jahr gründete Walter Paepcke das Aspen Institute for Humanistic Studies. Zur gleichen Zeit wurde das Aspen Summer Music Festival ins Leben gerufen, ebenso das Aspen Film Classics Programme, das erste Filmfestspiel in den Vereinigten Staaten. Amerika hatte endlich einen geistigen Mittelpunkt.

Das Rückgrat dessen, was seit 50 Jahren das Besondere am Aspen Institute ausmacht, ist das Executive Seminar. Im Sommer versammeln sich unter seinem Dach jeweils anderthalb oder zwei Dutzend Top-Manager mit Politikern, Akademikern und Medienleuten und studieren zwei Wochen lang - neuerdings eine Woche - die klassischen Texte aus Adlers 443 Great Books. Auszüge aus der Bibel und Charles Darwin, Texte von Menzius und Konfuzius, Edmund Burke und Alexis Tocqueville sind Pflichtlektüre, desgleichen Aristoteles und Hobbes, Locke und Nietzsche, Karl Marx und Martin Luther King, Dostojewski und Dürrenmatt, Adam Smith und Joseph Schumpeter. Stundenlang werden sie hitzig debattiert. Der Vizepräsident von Coca Cola beteiligt sich an der Diskussion nicht weniger lebhaft und ernsthaft als der Präsident der Harvard University.

Dabei geht es nicht darum, aus guten Finanzvorständen noch bessere Finanzvorstände zu machen. Das eigentliche Aspen-Anliegen ist ein anderes: Es soll jenen, die in der Wirtschaft, in Staat und Gesellschaft Verantwortung tragen, den Sinn für jene Werte vermitteln, die den Kitt einer jeden Gemeinschaft bilden; soll den Spezialisten nahebringen, dass jedes Spezialgebiet das große Ganze berührt; soll den Zeitgenossen die Vergangenheit erhellen, damit sie als Treuhänder der Zukunft die Herausforderungen der Gegenwart bestehen können.

Zweimal habe ich an solch einem Seminar teilnehmen dürfen, 1974 (während der Wochen, in denen Nixon, verfolgt von der Nemesis des Watergate-Skandals, aus dem Weißen Haus verjagt wurde), und 1983. Jedes Mal war es eine bereichernde, erhebende Erfahrung, eine Rückkehr an die Quellen, ein intellektuelles Läuterungs- und Kräftigungsbad. Es gibt in der ganzen Welt nichts Vergleichbares. Geistige Strenge verbindet sich in Aspen mit Jeans casualness zu einer Mischung, die sich so nur in Amerika findet. Offenheit des Denkens ist da gepaart mit Rigorosität des Argumentierens, philosophische Stringenz gekoppelt mit tiefsten Empfindungen.

Man muss das einmal erlebt haben: Strawinskys "Sacré du Printemps" im Musikzelt, wenn grummelnde Gewitter über das Hochtal rollen und die Pauken überdröhnen. Oder die theatralische Anstrengung ehrbarer Vorstandsmitglieder, die - Bettlaken als Toga um sich gewickelt - im Marmorgarten die "Antigone" des Sophokles aufführen. Oder Dichter, die mit ihren Lesungen einen großen Saal voller Menschen in ihren Bann schlagen. Und auch dies gibt es ja so nur in Amerika: jene unbeschwerte Nachbarschaft von Geist und Geld, die weder geniert noch beschämt wirkt. Millionäre und Milliardäre sitzen in trautem Verein neben Gelehrten und Gelernten. Jeder schießt ein, was er hat: seine Millionen der eine, sein Genie der andere. Der gewöhnliche Zeitgenosse staunt und freut sich der Symbiose.

Längst ist Aspen weit mehr geworden als eine Begegnungsstätte, ein Institut, eine Denkfabrik. Was die Bilderberg-Konferenz und die Trilateral Commission für die politische Welt sind und die Davoser Weltwirtschaftsforen für den Bezirk der Ökonomie - Aspen überwölbt es durch einen geistigen Glanz, der nicht aus der Spraydose des Trendhaften kommt, sondern seine Leuchtkraft aus der Fülle menschlichen Sinnens, Denkens und Trachtens bezieht.

50 Jahre Aspen Institute – Seite 3

In Aspen werden erwachsene Menschen, die in verantwortlichen Stellungen stehen, dazu angehalten, über den Tellerrand zu blicken, der Notwendigkeit des Altruismus eingedenk zu bleiben, und das Denken in Preisen zu überwinden durch das Denken in Werten. Es lebt darin ein Stück jener frühen Tugenden fort, die Tocqueville vor 165 Jahren in seinem Werk "Demokratie in Amerika" bewundert und besungen hat.

Heute hat Aspen - wo Präsident Bush und Margaret Thatcher 1990 den Entschluss zum Golfkrieg fassten - ein zweites Zentrum in Wye im Bundesstaat Maryland. Unter Bill Clinton wurden dort entscheidende Verhandlungen über den Frieden in Nahost geführt, und der Flüchtlingsjunge aus Kuba, Elian Gonzalez, fand auf dem weitläufigen Gelände mit seinem Vater Zuflucht vor der aufdringlichen Öffentlichkeit. weitere Zweigstellen gibt es in Berlin - eine Gründung des unvergessenen Shep Stone -, in Italien, Frankreich, Japan. Der Jahresetat liegt bei 30 Millionen Dollar; das Institut beschäftigt 60 Mitarbeiter.

Zweierlei hat mich an der Arbeit des Aspen Institute von jeher beeindruckt. Zum einen war es nie ein Hort des ungezügelten Turbo-Kapitalismus, eine Hochburg des Shareholder-Denkens, eine kalte Kapitale puren Profitstrebens. Von Anfang an predigte es corporate responsibility, die Verantwortung von Unternehmern und Unternehmen gegenüber der Gesellschaft. Die sokratische Idee vom guten Leben in der guten Gesellschaft hat den Aspen-Humanismus geprägt. Es galt und gilt der Leitsatz Abraham Lincolns: "Whenever there is a conflict between human rights and property rights, human rights must prevail" - wann immer es zwischen Menschenrechten und Eigentumsrechten zum Konflikt kommt, gebührt den Menschenrechten Vorrang. Dies steht in der besten amerikanischen Tradition. Nicht von ungefähr haben die Väter der Unabhängigkeitserklärung John Lockes Katalog unveräußerlicher Rechte - life, liberty and property - ganz bewusst verändert in life, liberty and the pursuit of happiness. Das Streben nach Glück ersetzte den Primat des Eigentums.

Zum anderen aber habe ich seit dreißig Jahren verfolgt, wie Aspen wieder und wieder die neuen Themen auf die öffentliche Tagesordnung gesetzt hat, ehe die Zeitgenossen ihrer noch richtig gewahr geworden waren. Der Versuchung der modernen Wissenschaft, sich über die Schranken des Geziemenden hinwegzusetzen, stellt das Institut die Botschaft des Humanismus entgegen: "ein spirituelles Bollwerk stärker als die Sprengkraft der Atombombe". Früh widmete sich Aspen dem Thema Umwelt. Friedensfragen, soziale Fragen, die Frage nach der künftigen Weltordnung standen auf dem Programm. Und immer ging es darum, mit Ideen die Welt zu verändern.

Die Fünfzigjahrfeier Ende August, ein viertägiger Veranstaltungsreigen, stand wiederum unter einem höchst aktuellen Motto: "Globalisierung und die conditio humana". Elmer Johnson, der Präsident des Instituts, nannte die Globalisierung "vielleicht die beste Chance für das gedeihliche Fortkommen des Menschengeschlechtes, vielleicht aber auch die größte Bedrohung der Menschheit." Wiederum wurde offen und kontrovers diskutiert, nichts unter den Teppich gekehrt, alles unter die Lupe genommen: Globalisierung und ihre Schattenseiten. Frieden, globale Sicherheit und Menschenrechte. Globalisierung und die Herrschaft des Rechts. Wissenschaft, Technik und Globalisierung. Kultur und Zivilisation in der Globalisierung. Wissenschaft und Umwelt. Globalisierung und menschliche Imagination. Dem breiten Fächer von Themen entsprach ein breites Spektrum von Meinungen. Amerikas beste Köpfe stritten miteinander. Der verbindende Tenor: Es ist töricht, gegen die Globalisierung zu Felde zu ziehen. Aber es ist nötig, ihre Schattenseiten aufzuhellen und den Verlierern der Globalisierung unter die Arme zu greifen. Zwei Drittel der Menschheit dürfen nicht einfach entmutigt, entkräftet am Wegesrand liegen bleiben.

In der Tat wirft ja die Globalisierung eine neue soziale Frage auf. Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts, bei der es um das Verhältnis von Arm und Reich innerhalb der Industrienationen ging, wurde nicht rechtzeitig gelöst. Die Folge waren Faschismus, Kommunismus und Nationalsozialismus: Krieg, Tod und Zerstörung. Im 21. Jahrhundert geht es abermals um das Verhältnis von Arm und Reich, doch diesmal zwischen den Nationen - denen auf der Südhälfte unseres Globus und denen auf der Nordhälfte. Werden wir rechtzeitig Lösungen finden, die soziale Explosionen verhindern?

Nicht ganz zufällig war die Fünfzigjahrfeier mit einem Seminar über weltweite Armutsbekämpfung verknüpft. Die Botschaft, die davon ausging, war eindeutig: Der Norden darf den Süden nicht im Stich lassen. Umgekehrt gilt aber auch: Der Süden muss die Voraussetzungen schaffen, damit Hilfe aus dem Norden überhaupt etwas bewirken kann. Schluss also mit Krieg und Korruption, mit Diktatur und Durchstecherei, mit Unterdrückung und Unterschleifen. "Entwicklung ist wie ein Schnellzug: Er hält nur an Bahnhöfen, die Bahnsteige haben. Entwicklung braucht Bahnsteige: Bildung, Herrschaft des Rechts, freie Märkte, Organisationsfähigkeit, Führungskraft, kurz: gutes Regieren." Good governance tut not, damit Entwicklungshilfe fruchten kann. Bisher haben weder die reichen noch die armen Länder ihre Hausaufgaben gemacht. Kein Wunder, dass sich die Lage zuspitzt.

50 Jahre Aspen Institute – Seite 4

John F. Kennedy sagte vor vier Jahrzehnten: "Wer die friedliche Revolution unmöglich macht, der macht die gewaltsame Revolution unvermeidlich." Der Satz gilt noch immer. Er birgt das Resümee der Halbjahrhundertfeier in Aspen. Das Menschenrecht auf Entwicklung, auf Bildung, Gesundheitsfürsorge, Kleidung, Nahrung und Unterkunft, den "Verdammten dieser Erde" zugesichert in Artikel 25 der UN- Menschenrechtsdeklaration, steht in weiten Gebieten der Erde bis heute bloß auf dem Papier. Dies wird sich ändern müssen, wenn das 21. Jahrhundert nicht genau so in Blut und Elend versinken soll wie das schreckliche 20. Jahrhundert. Patentlösungen gibt es nicht. Aber, wie Elmer Johnson bescheiden anmerkte: "We've got a lot to think about."