Die Goethe-Feier begründete den Ruf Aspens als intellektuelles Zentrum einer humanistischen Weltsicht. Zugleich gab das Minneapolis Symphony Orchestra in einem besseren Zirkuszelt, das der finnische Architekt Saarinen entworfen hatte, jeden Tag unter der Leitung von Dimitri Mitropoulos ein Konzert. So entstand die Verbindung von Philosophie und Musik, Geist und Seele gleichsam, die noch heute, wenn der Pulverschnee auf dem Aspen Mountain weggeschmolzen ist und die Skifahrer sich verzogen haben, die Sommersaison prägt.

Im folgenden Jahr gründete Walter Paepcke das Aspen Institute for Humanistic Studies. Zur gleichen Zeit wurde das Aspen Summer Music Festival ins Leben gerufen, ebenso das Aspen Film Classics Programme, das erste Filmfestspiel in den Vereinigten Staaten. Amerika hatte endlich einen geistigen Mittelpunkt.

Das Rückgrat dessen, was seit 50 Jahren das Besondere am Aspen Institute ausmacht, ist das Executive Seminar. Im Sommer versammeln sich unter seinem Dach jeweils anderthalb oder zwei Dutzend Top-Manager mit Politikern, Akademikern und Medienleuten und studieren zwei Wochen lang - neuerdings eine Woche - die klassischen Texte aus Adlers 443 Great Books. Auszüge aus der Bibel und Charles Darwin, Texte von Menzius und Konfuzius, Edmund Burke und Alexis Tocqueville sind Pflichtlektüre, desgleichen Aristoteles und Hobbes, Locke und Nietzsche, Karl Marx und Martin Luther King, Dostojewski und Dürrenmatt, Adam Smith und Joseph Schumpeter. Stundenlang werden sie hitzig debattiert. Der Vizepräsident von Coca Cola beteiligt sich an der Diskussion nicht weniger lebhaft und ernsthaft als der Präsident der Harvard University.

Dabei geht es nicht darum, aus guten Finanzvorständen noch bessere Finanzvorstände zu machen. Das eigentliche Aspen-Anliegen ist ein anderes: Es soll jenen, die in der Wirtschaft, in Staat und Gesellschaft Verantwortung tragen, den Sinn für jene Werte vermitteln, die den Kitt einer jeden Gemeinschaft bilden; soll den Spezialisten nahebringen, dass jedes Spezialgebiet das große Ganze berührt; soll den Zeitgenossen die Vergangenheit erhellen, damit sie als Treuhänder der Zukunft die Herausforderungen der Gegenwart bestehen können.

Zweimal habe ich an solch einem Seminar teilnehmen dürfen, 1974 (während der Wochen, in denen Nixon, verfolgt von der Nemesis des Watergate-Skandals, aus dem Weißen Haus verjagt wurde), und 1983. Jedes Mal war es eine bereichernde, erhebende Erfahrung, eine Rückkehr an die Quellen, ein intellektuelles Läuterungs- und Kräftigungsbad. Es gibt in der ganzen Welt nichts Vergleichbares. Geistige Strenge verbindet sich in Aspen mit Jeans casualness zu einer Mischung, die sich so nur in Amerika findet. Offenheit des Denkens ist da gepaart mit Rigorosität des Argumentierens, philosophische Stringenz gekoppelt mit tiefsten Empfindungen.

Man muss das einmal erlebt haben: Strawinskys "Sacré du Printemps" im Musikzelt, wenn grummelnde Gewitter über das Hochtal rollen und die Pauken überdröhnen. Oder die theatralische Anstrengung ehrbarer Vorstandsmitglieder, die - Bettlaken als Toga um sich gewickelt - im Marmorgarten die "Antigone" des Sophokles aufführen. Oder Dichter, die mit ihren Lesungen einen großen Saal voller Menschen in ihren Bann schlagen. Und auch dies gibt es ja so nur in Amerika: jene unbeschwerte Nachbarschaft von Geist und Geld, die weder geniert noch beschämt wirkt. Millionäre und Milliardäre sitzen in trautem Verein neben Gelehrten und Gelernten. Jeder schießt ein, was er hat: seine Millionen der eine, sein Genie der andere. Der gewöhnliche Zeitgenosse staunt und freut sich der Symbiose.

Längst ist Aspen weit mehr geworden als eine Begegnungsstätte, ein Institut, eine Denkfabrik. Was die Bilderberg-Konferenz und die Trilateral Commission für die politische Welt sind und die Davoser Weltwirtschaftsforen für den Bezirk der Ökonomie - Aspen überwölbt es durch einen geistigen Glanz, der nicht aus der Spraydose des Trendhaften kommt, sondern seine Leuchtkraft aus der Fülle menschlichen Sinnens, Denkens und Trachtens bezieht.