In Aspen werden erwachsene Menschen, die in verantwortlichen Stellungen stehen, dazu angehalten, über den Tellerrand zu blicken, der Notwendigkeit des Altruismus eingedenk zu bleiben, und das Denken in Preisen zu überwinden durch das Denken in Werten. Es lebt darin ein Stück jener frühen Tugenden fort, die Tocqueville vor 165 Jahren in seinem Werk "Demokratie in Amerika" bewundert und besungen hat.

Heute hat Aspen - wo Präsident Bush und Margaret Thatcher 1990 den Entschluss zum Golfkrieg fassten - ein zweites Zentrum in Wye im Bundesstaat Maryland. Unter Bill Clinton wurden dort entscheidende Verhandlungen über den Frieden in Nahost geführt, und der Flüchtlingsjunge aus Kuba, Elian Gonzalez, fand auf dem weitläufigen Gelände mit seinem Vater Zuflucht vor der aufdringlichen Öffentlichkeit. weitere Zweigstellen gibt es in Berlin - eine Gründung des unvergessenen Shep Stone -, in Italien, Frankreich, Japan. Der Jahresetat liegt bei 30 Millionen Dollar; das Institut beschäftigt 60 Mitarbeiter.

Zweierlei hat mich an der Arbeit des Aspen Institute von jeher beeindruckt. Zum einen war es nie ein Hort des ungezügelten Turbo-Kapitalismus, eine Hochburg des Shareholder-Denkens, eine kalte Kapitale puren Profitstrebens. Von Anfang an predigte es corporate responsibility, die Verantwortung von Unternehmern und Unternehmen gegenüber der Gesellschaft. Die sokratische Idee vom guten Leben in der guten Gesellschaft hat den Aspen-Humanismus geprägt. Es galt und gilt der Leitsatz Abraham Lincolns: "Whenever there is a conflict between human rights and property rights, human rights must prevail" - wann immer es zwischen Menschenrechten und Eigentumsrechten zum Konflikt kommt, gebührt den Menschenrechten Vorrang. Dies steht in der besten amerikanischen Tradition. Nicht von ungefähr haben die Väter der Unabhängigkeitserklärung John Lockes Katalog unveräußerlicher Rechte - life, liberty and property - ganz bewusst verändert in life, liberty and the pursuit of happiness. Das Streben nach Glück ersetzte den Primat des Eigentums.

Zum anderen aber habe ich seit dreißig Jahren verfolgt, wie Aspen wieder und wieder die neuen Themen auf die öffentliche Tagesordnung gesetzt hat, ehe die Zeitgenossen ihrer noch richtig gewahr geworden waren. Der Versuchung der modernen Wissenschaft, sich über die Schranken des Geziemenden hinwegzusetzen, stellt das Institut die Botschaft des Humanismus entgegen: "ein spirituelles Bollwerk stärker als die Sprengkraft der Atombombe". Früh widmete sich Aspen dem Thema Umwelt. Friedensfragen, soziale Fragen, die Frage nach der künftigen Weltordnung standen auf dem Programm. Und immer ging es darum, mit Ideen die Welt zu verändern.

Die Fünfzigjahrfeier Ende August, ein viertägiger Veranstaltungsreigen, stand wiederum unter einem höchst aktuellen Motto: "Globalisierung und die conditio humana". Elmer Johnson, der Präsident des Instituts, nannte die Globalisierung "vielleicht die beste Chance für das gedeihliche Fortkommen des Menschengeschlechtes, vielleicht aber auch die größte Bedrohung der Menschheit." Wiederum wurde offen und kontrovers diskutiert, nichts unter den Teppich gekehrt, alles unter die Lupe genommen: Globalisierung und ihre Schattenseiten. Frieden, globale Sicherheit und Menschenrechte. Globalisierung und die Herrschaft des Rechts. Wissenschaft, Technik und Globalisierung. Kultur und Zivilisation in der Globalisierung. Wissenschaft und Umwelt. Globalisierung und menschliche Imagination. Dem breiten Fächer von Themen entsprach ein breites Spektrum von Meinungen. Amerikas beste Köpfe stritten miteinander. Der verbindende Tenor: Es ist töricht, gegen die Globalisierung zu Felde zu ziehen. Aber es ist nötig, ihre Schattenseiten aufzuhellen und den Verlierern der Globalisierung unter die Arme zu greifen. Zwei Drittel der Menschheit dürfen nicht einfach entmutigt, entkräftet am Wegesrand liegen bleiben.

In der Tat wirft ja die Globalisierung eine neue soziale Frage auf. Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts, bei der es um das Verhältnis von Arm und Reich innerhalb der Industrienationen ging, wurde nicht rechtzeitig gelöst. Die Folge waren Faschismus, Kommunismus und Nationalsozialismus: Krieg, Tod und Zerstörung. Im 21. Jahrhundert geht es abermals um das Verhältnis von Arm und Reich, doch diesmal zwischen den Nationen - denen auf der Südhälfte unseres Globus und denen auf der Nordhälfte. Werden wir rechtzeitig Lösungen finden, die soziale Explosionen verhindern?

Nicht ganz zufällig war die Fünfzigjahrfeier mit einem Seminar über weltweite Armutsbekämpfung verknüpft. Die Botschaft, die davon ausging, war eindeutig: Der Norden darf den Süden nicht im Stich lassen. Umgekehrt gilt aber auch: Der Süden muss die Voraussetzungen schaffen, damit Hilfe aus dem Norden überhaupt etwas bewirken kann. Schluss also mit Krieg und Korruption, mit Diktatur und Durchstecherei, mit Unterdrückung und Unterschleifen. "Entwicklung ist wie ein Schnellzug: Er hält nur an Bahnhöfen, die Bahnsteige haben. Entwicklung braucht Bahnsteige: Bildung, Herrschaft des Rechts, freie Märkte, Organisationsfähigkeit, Führungskraft, kurz: gutes Regieren." Good governance tut not, damit Entwicklungshilfe fruchten kann. Bisher haben weder die reichen noch die armen Länder ihre Hausaufgaben gemacht. Kein Wunder, dass sich die Lage zuspitzt.