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Budapest

Sie nannten ihn Sanyi. Das tun die Ungarn gern, wenn einer Sándor heißt. Doch dieser Sanyi trug den Namen Shen Yuan. Seine Türklingel ist bis heute die einzige mit chinesischen Schriftzeichen. Die übrigen 19 ungarischen Parteien im vierstöckigen Mietshaus Nr. 110 an Budapests breiter Verkehrsader Baross út müssen Shen alias Sanyi sehr geschätzt haben.

"Er war ein ordentlicher, ruhiger Mann. Alle Nachbarn grüßte er immer höflich auf Ungarisch", sagt Dénes, der auf den Steinstufen vor dem Haus in der alten Josefstadt sitzt. "Aus seinem Büro kam nie ein Laut. Seine Klienten waren still und unauffällig."

Die Diskretion gehörte zum Handwerk. Der 44-jährige Shen Yuan war der Buchhalter vieler chinesischer Firmen in der ungarischen Hauptstadt. Am letzten Julitag dieses Jahres fanden Klienten ihn erstochen in seinem Büro. Nur einige der vielen Messerwunden waren tödlich gewesen. Wurden dem Mann Betriebsgeheimnisse durch Folter abgepresst? Wollten Schuldner ihren Gläubiger beseitigen? Oder hatte Shen Yuan zu vielen Herren konkurrierender Triaden gedient? Die ungarischen Fahnder, die in den Spuren chinesischer Buchhaltung ohnehin nicht lesen können, stehen wieder einmal vor einer großen Mauer des Schweigens. Und dennoch ist der tote Sanyi für die Kriminalbeamten ein seltener Fund. Niemand weiß genau, wie viele Chinesen in Budapest leben. Aber darüber gibt es wenigstens noch Mutmaßungen. Die Fremdenpolizei hat sich offiziell auf 30 000 festgelegt. Scotland Yard hält 40 000 für wahrscheinlicher. Die wenigen, inzwischen angelernten Chinesen-Watchdogs unter den Kriminalbeamten sagen: Es sind 60 000.

Doch wie viele Chinesen beenden ihr Leben in Budapest? Das hat noch niemand abschätzen können. Ganz gleich, ob sie eines natürlichen Todes sterben oder Mordopfer werden - die Leichen der Menschen sind unauffindbar. Seit einem Jahrzehnt. Die Polizei kennt keine chinesischen Friedhöfe. Wer stirbt, verschwindet. Bisher spurlos. Nur sein Pass kommt einem neuen chinesischen Einwanderer zugute.

Budapest ist zur heimlichen Hauptstadt der Chinesen in Europa geworden. So heimlich, dass selbst die dramatischen Berichte, Reportagen und Dossiers über die Tragödie von Dover - bei der 58 blinde Passagiere aus dem Reich der Mitte in einem holländischen Gefriercontainer erstickt waren - die zentrale Rolle der Donaustadt übersahen. Dabei werden aus der ungarischen Metropole heute alle chinesischen Gemeinschaften in Europa gelenkt.

In Budapest erscheinen acht chinesische Zeitungen. 6827 Firmen gründeten die eingewanderten Geschäftsleute allein in den Jahren 1994/95. Händler aus China machen knapp 50 Prozent des Gesamtumsatzes aller städtischen Märkte in Ungarn. Den Markt der vier Tiger im 10. Budapester Bezirk mit seinen kilometerlangen Budengassen voller Billigtextilien kennt jeder Chinese, der zu Hause vom Westen träumt.

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Neujahr ist die Zeit der Morde. Aber wo bleiben die Leichen?

Zwar ist Belgrad inzwischen zur Hauptschleuse des Menschenschmuggels nach Europa geworden, weil das Regime Milocevic unbegrenzt Visa erteilt. Aber die Wege der Schlangenköpfe führen weiter auch über Quartiere in Wohn- und Warencontainern der Budapester Märkte und in einigen Chinarestaurants.

Fünf organisierte Gruppen in Budapest stehen im Ruf, für die mafiaähnlichen Triaden zu arbeiten. Einige Dutzend chinesische Familienverbände liegen in Fehde. Auch die drei größeren buddhistischen Gemeinden sind sich nicht grün. So unverkennbar Peking die Kolonie an der Donau zu kontrollieren versucht, gleichgeschaltet ist sie nicht.

Budapester, die mit den Händlern enger in Verbindung stehen, erzählen von Spielclubs, in denen Summen eingesetzt würden, die sich ein hereinplatzender ungarischer Kommissar nicht einmal vorstellen könnte. Von Bordellen mit Importen aus China, die nur durchreisenden Überseechinesen zugänglich seien. Übertreibungen? Aufgespürt hat die Polizei noch kein solches Etablissement.

Aber die Fahnder hören so gut wie nichts von den Chinesen. Die ungarische Elite im Stadtzentrum und auf dem Rosenhügel mit seinen Villenhängen sieht sie nicht einmal. Und die Medien wissen kaum etwas über die halb willkommene, halb verbotene Stadt in Budapests Mauern.

Die einfachen Magyaren aber schätzen die Chinesen mehr als die meisten anderen Minderheiten - von den Rumänen über die Roma bis zu den jüdischen Mitbürgern. Ungarns untere Schichten - von der Globalisierung und dem Fitnessprogramm für den EU-Beitritt zu Verlierern gestempelt - können sich auf den Märkten wenigstens die billigen Raubkopien der internationalen Markenartikel anschaffen. Nahezu jede fünfte Budapester Familie kauft regelmäßig bei Chinesen.

Ein historischer Zufall hat ihnen das ermöglicht. 1988 verhandelten Delegationen beider Länder über die Verbesserung der Konsularbeziehungen. Weil ihnen das Kommuniqué zu dürftig aussah, vereinbarten sie zusätzlich Visafreiheit - arme Chinesen und arme Magyaren würden schon keine Völkerwanderung auslösen. Im Juni 1989 walzten Pekings Panzer die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens nieder. Europa verschloss sich den Chinesen - aber Ungarn stand ihnen visafrei offen. Zu gleicher Zeit entdeckten die chinesischen Kleinproduzenten, die mit ihrem Kofferfreihandel schon die sowjetische Grenze in Fernost aufgeweicht hatten, die globale Marktlücke für billige Kleidung und Elektronik. Das ließ sich über Ungarn viel besser verkaufen.

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"Selbst in China", erinnert sich der renommierte Sinologe Péter Polonyi, "erschien eine Studie über das Ungarnfieber. Schätze sollten in diesem Wunderland auf der Straße liegen. Wer sie suchte, erkannte aber schnell, dass man das Fieber selbst hochtreiben musste, um reich zu werden." Die Chinesen gründeten Firmen, ließen sie von den ungarischen Behörden registrieren, schickten Einladungen und Anstellungsverträge nach Hause - ohne die es keine Ausreisegenehmigungen gab - und ließen sich diese Scheindokumente in Dollar bezahlen. Wer nachkam, machte es ebenso.

Nach dieser Einspeisung der ersten 30 000 wehrten sich die ungarischen Behörden Ende 1992 mit der Rückkehr zur Visapflicht. Doch da hatten die Chinesen längst spitzbekommen, wie sich falsche Papiere beschaffen und Beamte bestechen ließen. Anfangs war ihr Warenstrom aus den Taschen direkt in den Straßenverkauf geflossen. Dann gründeten ungarische Unternehmer Märkte, auf denen die Chinesen einzogen - was ihrer Kolonie eine magyarische Note gab, auch geschäftlich.

Die Sicherheitsaufsicht über den Vier-Tiger-Markt hat heute Péter Tasnádi, der gerade in Untersuchungshaft sitzt. Diese lukrative Quelle hatte zeitweilig auch Sándor Pintér zu Kontakten mit den Chinesen bewogen - den skandalumwitterten Innenminister und Spezi des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán. Die Chinesenmärkte zogen mehr und mehr Kunden aus den Nachbarländern an - seit der Blockade Serbiens vor allem Schlangen jugoslawischer Busse. Der Kampf um die Kontrolle dieser Märkte nahm zeitweilig mörderische Formen an.

Das Chinarestaurant Zur großen Mauer steht an historischer Stätte. Hier stürzten die Demonstranten 1956 im blutigen Ungarnaufstand das Stalin-Denkmal. Und von hier aus marschierten die kommunistischen Paraden wieder zum Budapester Heldenplatz, als sei nichts gewesen. Auch Zur großen Mauer gehen heute wieder viele Gäste, als sei nichts geschehen. Ein junger Chinese steht hinter der Bar. Die chinesische Kellnerin und der ungarische Ober wirken gut eingespielt. Gegen 20.30 Uhr erscheint eine bildhübsche Asiatin. In schwarzem T-Shirt und hellen Jeans wirkt sie hoch gewachsen wie ein Mannequin. An der Bar lässt sie sich die Rechnungen vorlegen, greift zum Handy, geht in einen Nebenraum, kehrt zu den Belegen zurück.

Die junge Dame ist eine der Töchter von Chen Zong Nan. Sie hat den Anschlag überlebt. Ihre Schwester und ihre Mutter starben, als im Restaurant Anfang 1997 ein Sprengsatz hochging. Die Bombenleger wurden gefunden - ein Ungar und ein Roma -, die Auftraggeber nicht. Chen ist kein unbeschriebenes Blatt. In China spielte er eine führende Rolle als Scharfmacher in Partei und Kulturrevolution, setzte sich später ab, wurde angeblich zu langer Haft verurteilt. Doch 1997 ging es nicht um alte Rechnungen. Chen hatte Teile eines chinesischen Marktes kaufen wollen, fand der junge Polizeileutnant Robert Tóth heraus. Doch damit war der Restaurantbesitzer einer Gruppe in die Quere gekommen, die den ganzen Markt an sich reißen wollte.

"Anfangs fielen sie überhaupt nicht auf", bilanziert Oberstleutnant Antal Berki, der als Abteilungsleiter der Budapester Polizei für die Chinesen zuständig ist. "Sie waren fleißig und blieben unter sich. Erst seit 1993 stießen wir auf Gewaltverbrechen in ihren Reihen. Uns fiel auf, dass sich Erpressungen, Entführungen und Morde jeweils zwischen Januar und März häuften. Wir waren völlig unvorbereitet, kannten weder die Sprache noch die Traditionen. Allmählich lernten die Kollegen, dass dieser regelmäßige Anstieg der Kriminalität mit dem Mondneujahr zusammenhing - da muss man die Schulden begleichen."

Die Polizisten holten in Holland Rat und lasen dicke Wälzer über die Triaden; vor allem Francis Fukuyamas Buch Vertrauen über den unerbittlich patriarchalischen Aufbau der Familien. "Anfangs hatten wir noch gehofft", lacht der Oberstleutnant wie über sich selbst, "junge Chinesen der zweiten Generation in den Polizeidienst aufnehmen zu können. Doch die Mauer der Familien war undurchdringlich. Einen Jackie Chan gibt es nur im Film."

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Heute erscheint die Kriminalitätsrate auffällig niedrig. Entführungen werden nicht mehr angezeigt. Berki und Toth sind sich sicher: "Sie haben inzwischen selbst Streifen aufgestellt und halten die Ordnung nach außen aufrecht. Die Mafia ist daran beteiligt." - "Machen Sie Razzien?" - "Das geht nicht ohne Zollamt und Gericht. Die vielen ungarischen Anwälte der Chinesen können endlos Berufung einlegen."

Alle Wege führen zum Markt der vier Tiger. Alle Gleise des Josefbahnhofs auch. Die Stadt aus Hütten, Containern und Kunststoffdächern zieht sich direkt am Güterbahnhof entlang wie an einem fruchtbaren Flusslauf. Endlose Gässchen mit Wänden aus Jogginganzügen, Kinderkleidung, Dessous, BHs in allen Regenbogenfarben, Drogeriewaren.

Auf der anderen Straßenseite liegt das alte Waggonwerk wie ein Museum des kommunistischen Industriezeitalters. Vor 15 Jahren produzierten hier noch ungarische Arbeiter Eisenbahnwagen, die niemand mehr braucht. Die verblichenen Fähnchen des Internationalismus hängen weiter unter der Decke: die der Palästinenser, Syrer, Iraker, Vietnamesen. Darunter ist jetzt das Heerlager der proletarischen Globalisierung aufgeschlagen. Textilberge und Turnschuhe für ganze Bataillone vor zweistöckigen Containern. Aus den oberen Etagen werfen junge Chinesen T-Shirts, Jeans und Schultaschen herunter, Galaxys pursuit steht auf einer. Frauen spielen Karten auf Kartons, die Geldscheine neben sich.

In den alten Schuppen hinter den Hallen produzieren Chinesen. Das ist die verbotene Stadt. Kein Fremder hat Zutritt. Höchstens ein Viertel der Budapester Chinesen ist überhaupt in der Öffentlichkeit sichtbar, rechnet die Polizei. Sie kommen mehrheitlich aus den Südprovinzen Chinas, auch wenn ihr offizielles Informationszentrum das bestreitet. Sie verteilen sich über den 8., 10. und 13. Bezirk. Vor allem über die innere Josefstadt, wo früher viele Roma siedelten, und den Steinbruchbezirk rund um den Tiger-Markt. Chinatown-Romantik gibt es nirgends, sondern nur eine Mischung aus Siemensstadt, Nachkriegskommunismus und letzter Ausfuhr Shanghai.

Trotz der anderen Märkte ist der Vier-Tiger-Markt die "Goldgrube der Chinesen und zugleich ihr Gefängnis". So formuliert es Pál Nyiri, der kompetenteste Asienexperte. Der Markt ist inzwischen überfüllt und gesättigt. Nur wenige Händler wachsen über ihn hinaus. Die chinesischen Familienunternehmen expandieren nicht zu Großunternehmen mit speziellen Managern. Selbst wenn sie sich ausdehnen, behalten die Verwandten die Aufsicht. Von Ungarn trennt fast alle eine große Mauer. Sie wissen, wer ihnen Aufenthaltsgenehmigungen beschaffen kann und wem sie Schutzgelder bezahlen müssen. Diese Erpressung empfinden sie nicht als Kriminalität.

Ungarns Hauptstadt ist ein Labor für Pekings Interessen

Auch die chinesischen Zeitungen tragen wenig zur Integration bei. Ihre Hersteller holen sich nachts aus dem Internet west-östliche Regenbogengeschichten über Filmstars, Karatekämpfer oder ein Elefantenrennen in Berlin. Geworben wird für Restaurants und Sexromane. In der Zeitung Stimme Europas prangt eine Anzeige in grellem Rot: "Im Eiltempo beschaffen wir Ihnen amerikanische Visa".

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Im Informations- und Handelszentrum, das gleich neben einem kleineren Chinesenmarkt im alten Arbeiterviertel Engelfeld liegt, hängt Parteichef Jiang Zemins Konterfei an der Wand. Hier denkt man weiter, über Ungarn hinaus an die europäische Integration. Eine Business-School ist geplant, deren Diplome später auch in der EU gelten sollen. Nicht, dass man die Ungarn dabei ganz vergisst: 40 000 Dollar hat die von Jiang Jijia geleitete Stiftung für Behinderte zur Verfügung gestellt. Die Designerin, die später vom Handel auf den Kulturaustausch zwischen China und dem Westen umsatteln möchte, vertritt den Vorsitzenden aller chinesischen Gemeinschaften in Europa, Zhang Manxin. Der schlanke Mittvierziger zeigt sich zwar in elegantem lila Oberhemd auf dem Flur, aber er übersieht Besucher von geringerem Rang. Umso eifriger lässt er sich mit Staatsmännern ablichten.

In Peking erschien 1999 ein Buch von 472 Seiten unter dem Titel: Wind und Schneesturm über der Donau. Es ist ausgewiesen als die "Biografie des berühmten Führers der europäischen Diaspora". Kapitel sieben beginnt mit folgender Eloge: "Das Christentum hat die Geburt Jesu zum Jahr eins seiner Zeitrechnung gemacht. Nachdem Zhang Manxin zum Vorsitzenden der chinesischen Gemeinden in Ungarn geworden ist, hat er mit seinen Mitstreitern eine noch nie gesehene, hell leuchtende Seite dieser Geschichte aufgeschlagen."

Es gibt offensichtlich eine Gruppe in Peking - von Partei oder Geheimdienst -, die Zhang Manxin und die von ihm geführten Gemeinschaften ganz gezielt aufbaut. Ende August hielten Zhangs Organisationen in Berlin eine "weltweite Konferenz der Überseechinesen über die friedliche nationale Wiedervereinigung" ab. 600 "berühmte Persönlichkeiten" waren geladen. Nichts spricht dafür, dass die chinesischen Händlergemeinden in Europa die Taiwan-Frage von sich aus aufgegriffen haben. Unter dem englischsprachigen Infoblatt über die Konferenz standen die Namen von einem guten Dutzend der "berühmten Persönlichkeiten". Auf die Bitte um ein solches Blatt nahm die freundliche Designerin das Original, ging hinaus und kehrte mit einer Kopie zurück. Auf ihr waren alle Namen entfernt.

Budapest ist weit mehr als eine Durchgangsstation der Schlangenköpfe. Die Donaustadt ist zu einem Brückenkopf auch der staatlichen Interessen Pekings geworden. Von hier aus lässt sich erproben, wie eine neue chinesische Kolonie nach Mittel- und Westeuropa hineinwachsen kann - wirtschaftlich, politisch und propagandistisch.