Neujahr ist die Zeit der Morde. Aber wo bleiben die Leichen?

Zwar ist Belgrad inzwischen zur Hauptschleuse des Menschenschmuggels nach Europa geworden, weil das Regime Milocevic unbegrenzt Visa erteilt. Aber die Wege der Schlangenköpfe führen weiter auch über Quartiere in Wohn- und Warencontainern der Budapester Märkte und in einigen Chinarestaurants.

Fünf organisierte Gruppen in Budapest stehen im Ruf, für die mafiaähnlichen Triaden zu arbeiten. Einige Dutzend chinesische Familienverbände liegen in Fehde. Auch die drei größeren buddhistischen Gemeinden sind sich nicht grün. So unverkennbar Peking die Kolonie an der Donau zu kontrollieren versucht, gleichgeschaltet ist sie nicht.

Budapester, die mit den Händlern enger in Verbindung stehen, erzählen von Spielclubs, in denen Summen eingesetzt würden, die sich ein hereinplatzender ungarischer Kommissar nicht einmal vorstellen könnte. Von Bordellen mit Importen aus China, die nur durchreisenden Überseechinesen zugänglich seien. Übertreibungen? Aufgespürt hat die Polizei noch kein solches Etablissement.

Aber die Fahnder hören so gut wie nichts von den Chinesen. Die ungarische Elite im Stadtzentrum und auf dem Rosenhügel mit seinen Villenhängen sieht sie nicht einmal. Und die Medien wissen kaum etwas über die halb willkommene, halb verbotene Stadt in Budapests Mauern.

Die einfachen Magyaren aber schätzen die Chinesen mehr als die meisten anderen Minderheiten - von den Rumänen über die Roma bis zu den jüdischen Mitbürgern. Ungarns untere Schichten - von der Globalisierung und dem Fitnessprogramm für den EU-Beitritt zu Verlierern gestempelt - können sich auf den Märkten wenigstens die billigen Raubkopien der internationalen Markenartikel anschaffen. Nahezu jede fünfte Budapester Familie kauft regelmäßig bei Chinesen.

Ein historischer Zufall hat ihnen das ermöglicht. 1988 verhandelten Delegationen beider Länder über die Verbesserung der Konsularbeziehungen. Weil ihnen das Kommuniqué zu dürftig aussah, vereinbarten sie zusätzlich Visafreiheit - arme Chinesen und arme Magyaren würden schon keine Völkerwanderung auslösen. Im Juni 1989 walzten Pekings Panzer die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens nieder. Europa verschloss sich den Chinesen - aber Ungarn stand ihnen visafrei offen. Zu gleicher Zeit entdeckten die chinesischen Kleinproduzenten, die mit ihrem Kofferfreihandel schon die sowjetische Grenze in Fernost aufgeweicht hatten, die globale Marktlücke für billige Kleidung und Elektronik. Das ließ sich über Ungarn viel besser verkaufen.