"Selbst in China", erinnert sich der renommierte Sinologe Péter Polonyi, "erschien eine Studie über das Ungarnfieber. Schätze sollten in diesem Wunderland auf der Straße liegen. Wer sie suchte, erkannte aber schnell, dass man das Fieber selbst hochtreiben musste, um reich zu werden." Die Chinesen gründeten Firmen, ließen sie von den ungarischen Behörden registrieren, schickten Einladungen und Anstellungsverträge nach Hause - ohne die es keine Ausreisegenehmigungen gab - und ließen sich diese Scheindokumente in Dollar bezahlen. Wer nachkam, machte es ebenso.

Nach dieser Einspeisung der ersten 30 000 wehrten sich die ungarischen Behörden Ende 1992 mit der Rückkehr zur Visapflicht. Doch da hatten die Chinesen längst spitzbekommen, wie sich falsche Papiere beschaffen und Beamte bestechen ließen. Anfangs war ihr Warenstrom aus den Taschen direkt in den Straßenverkauf geflossen. Dann gründeten ungarische Unternehmer Märkte, auf denen die Chinesen einzogen - was ihrer Kolonie eine magyarische Note gab, auch geschäftlich.

Die Sicherheitsaufsicht über den Vier-Tiger-Markt hat heute Péter Tasnádi, der gerade in Untersuchungshaft sitzt. Diese lukrative Quelle hatte zeitweilig auch Sándor Pintér zu Kontakten mit den Chinesen bewogen - den skandalumwitterten Innenminister und Spezi des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán. Die Chinesenmärkte zogen mehr und mehr Kunden aus den Nachbarländern an - seit der Blockade Serbiens vor allem Schlangen jugoslawischer Busse. Der Kampf um die Kontrolle dieser Märkte nahm zeitweilig mörderische Formen an.

Das Chinarestaurant Zur großen Mauer steht an historischer Stätte. Hier stürzten die Demonstranten 1956 im blutigen Ungarnaufstand das Stalin-Denkmal. Und von hier aus marschierten die kommunistischen Paraden wieder zum Budapester Heldenplatz, als sei nichts gewesen. Auch Zur großen Mauer gehen heute wieder viele Gäste, als sei nichts geschehen. Ein junger Chinese steht hinter der Bar. Die chinesische Kellnerin und der ungarische Ober wirken gut eingespielt. Gegen 20.30 Uhr erscheint eine bildhübsche Asiatin. In schwarzem T-Shirt und hellen Jeans wirkt sie hoch gewachsen wie ein Mannequin. An der Bar lässt sie sich die Rechnungen vorlegen, greift zum Handy, geht in einen Nebenraum, kehrt zu den Belegen zurück.

Die junge Dame ist eine der Töchter von Chen Zong Nan. Sie hat den Anschlag überlebt. Ihre Schwester und ihre Mutter starben, als im Restaurant Anfang 1997 ein Sprengsatz hochging. Die Bombenleger wurden gefunden - ein Ungar und ein Roma -, die Auftraggeber nicht. Chen ist kein unbeschriebenes Blatt. In China spielte er eine führende Rolle als Scharfmacher in Partei und Kulturrevolution, setzte sich später ab, wurde angeblich zu langer Haft verurteilt. Doch 1997 ging es nicht um alte Rechnungen. Chen hatte Teile eines chinesischen Marktes kaufen wollen, fand der junge Polizeileutnant Robert Tóth heraus. Doch damit war der Restaurantbesitzer einer Gruppe in die Quere gekommen, die den ganzen Markt an sich reißen wollte.

"Anfangs fielen sie überhaupt nicht auf", bilanziert Oberstleutnant Antal Berki, der als Abteilungsleiter der Budapester Polizei für die Chinesen zuständig ist. "Sie waren fleißig und blieben unter sich. Erst seit 1993 stießen wir auf Gewaltverbrechen in ihren Reihen. Uns fiel auf, dass sich Erpressungen, Entführungen und Morde jeweils zwischen Januar und März häuften. Wir waren völlig unvorbereitet, kannten weder die Sprache noch die Traditionen. Allmählich lernten die Kollegen, dass dieser regelmäßige Anstieg der Kriminalität mit dem Mondneujahr zusammenhing - da muss man die Schulden begleichen."

Die Polizisten holten in Holland Rat und lasen dicke Wälzer über die Triaden; vor allem Francis Fukuyamas Buch Vertrauen über den unerbittlich patriarchalischen Aufbau der Familien. "Anfangs hatten wir noch gehofft", lacht der Oberstleutnant wie über sich selbst, "junge Chinesen der zweiten Generation in den Polizeidienst aufnehmen zu können. Doch die Mauer der Familien war undurchdringlich. Einen Jackie Chan gibt es nur im Film."