Heute erscheint die Kriminalitätsrate auffällig niedrig. Entführungen werden nicht mehr angezeigt. Berki und Toth sind sich sicher: "Sie haben inzwischen selbst Streifen aufgestellt und halten die Ordnung nach außen aufrecht. Die Mafia ist daran beteiligt." - "Machen Sie Razzien?" - "Das geht nicht ohne Zollamt und Gericht. Die vielen ungarischen Anwälte der Chinesen können endlos Berufung einlegen."

Alle Wege führen zum Markt der vier Tiger. Alle Gleise des Josefbahnhofs auch. Die Stadt aus Hütten, Containern und Kunststoffdächern zieht sich direkt am Güterbahnhof entlang wie an einem fruchtbaren Flusslauf. Endlose Gässchen mit Wänden aus Jogginganzügen, Kinderkleidung, Dessous, BHs in allen Regenbogenfarben, Drogeriewaren.

Auf der anderen Straßenseite liegt das alte Waggonwerk wie ein Museum des kommunistischen Industriezeitalters. Vor 15 Jahren produzierten hier noch ungarische Arbeiter Eisenbahnwagen, die niemand mehr braucht. Die verblichenen Fähnchen des Internationalismus hängen weiter unter der Decke: die der Palästinenser, Syrer, Iraker, Vietnamesen. Darunter ist jetzt das Heerlager der proletarischen Globalisierung aufgeschlagen. Textilberge und Turnschuhe für ganze Bataillone vor zweistöckigen Containern. Aus den oberen Etagen werfen junge Chinesen T-Shirts, Jeans und Schultaschen herunter, Galaxys pursuit steht auf einer. Frauen spielen Karten auf Kartons, die Geldscheine neben sich.

In den alten Schuppen hinter den Hallen produzieren Chinesen. Das ist die verbotene Stadt. Kein Fremder hat Zutritt. Höchstens ein Viertel der Budapester Chinesen ist überhaupt in der Öffentlichkeit sichtbar, rechnet die Polizei. Sie kommen mehrheitlich aus den Südprovinzen Chinas, auch wenn ihr offizielles Informationszentrum das bestreitet. Sie verteilen sich über den 8., 10. und 13. Bezirk. Vor allem über die innere Josefstadt, wo früher viele Roma siedelten, und den Steinbruchbezirk rund um den Tiger-Markt. Chinatown-Romantik gibt es nirgends, sondern nur eine Mischung aus Siemensstadt, Nachkriegskommunismus und letzter Ausfuhr Shanghai.

Trotz der anderen Märkte ist der Vier-Tiger-Markt die "Goldgrube der Chinesen und zugleich ihr Gefängnis". So formuliert es Pál Nyiri, der kompetenteste Asienexperte. Der Markt ist inzwischen überfüllt und gesättigt. Nur wenige Händler wachsen über ihn hinaus. Die chinesischen Familienunternehmen expandieren nicht zu Großunternehmen mit speziellen Managern. Selbst wenn sie sich ausdehnen, behalten die Verwandten die Aufsicht. Von Ungarn trennt fast alle eine große Mauer. Sie wissen, wer ihnen Aufenthaltsgenehmigungen beschaffen kann und wem sie Schutzgelder bezahlen müssen. Diese Erpressung empfinden sie nicht als Kriminalität.

Ungarns Hauptstadt ist ein Labor für Pekings Interessen

Auch die chinesischen Zeitungen tragen wenig zur Integration bei. Ihre Hersteller holen sich nachts aus dem Internet west-östliche Regenbogengeschichten über Filmstars, Karatekämpfer oder ein Elefantenrennen in Berlin. Geworben wird für Restaurants und Sexromane. In der Zeitung Stimme Europas prangt eine Anzeige in grellem Rot: "Im Eiltempo beschaffen wir Ihnen amerikanische Visa".