Im Informations- und Handelszentrum, das gleich neben einem kleineren Chinesenmarkt im alten Arbeiterviertel Engelfeld liegt, hängt Parteichef Jiang Zemins Konterfei an der Wand. Hier denkt man weiter, über Ungarn hinaus an die europäische Integration. Eine Business-School ist geplant, deren Diplome später auch in der EU gelten sollen. Nicht, dass man die Ungarn dabei ganz vergisst: 40 000 Dollar hat die von Jiang Jijia geleitete Stiftung für Behinderte zur Verfügung gestellt. Die Designerin, die später vom Handel auf den Kulturaustausch zwischen China und dem Westen umsatteln möchte, vertritt den Vorsitzenden aller chinesischen Gemeinschaften in Europa, Zhang Manxin. Der schlanke Mittvierziger zeigt sich zwar in elegantem lila Oberhemd auf dem Flur, aber er übersieht Besucher von geringerem Rang. Umso eifriger lässt er sich mit Staatsmännern ablichten.

In Peking erschien 1999 ein Buch von 472 Seiten unter dem Titel: Wind und Schneesturm über der Donau. Es ist ausgewiesen als die "Biografie des berühmten Führers der europäischen Diaspora". Kapitel sieben beginnt mit folgender Eloge: "Das Christentum hat die Geburt Jesu zum Jahr eins seiner Zeitrechnung gemacht. Nachdem Zhang Manxin zum Vorsitzenden der chinesischen Gemeinden in Ungarn geworden ist, hat er mit seinen Mitstreitern eine noch nie gesehene, hell leuchtende Seite dieser Geschichte aufgeschlagen."

Es gibt offensichtlich eine Gruppe in Peking - von Partei oder Geheimdienst -, die Zhang Manxin und die von ihm geführten Gemeinschaften ganz gezielt aufbaut. Ende August hielten Zhangs Organisationen in Berlin eine "weltweite Konferenz der Überseechinesen über die friedliche nationale Wiedervereinigung" ab. 600 "berühmte Persönlichkeiten" waren geladen. Nichts spricht dafür, dass die chinesischen Händlergemeinden in Europa die Taiwan-Frage von sich aus aufgegriffen haben. Unter dem englischsprachigen Infoblatt über die Konferenz standen die Namen von einem guten Dutzend der "berühmten Persönlichkeiten". Auf die Bitte um ein solches Blatt nahm die freundliche Designerin das Original, ging hinaus und kehrte mit einer Kopie zurück. Auf ihr waren alle Namen entfernt.

Budapest ist weit mehr als eine Durchgangsstation der Schlangenköpfe. Die Donaustadt ist zu einem Brückenkopf auch der staatlichen Interessen Pekings geworden. Von hier aus lässt sich erproben, wie eine neue chinesische Kolonie nach Mittel- und Westeuropa hineinwachsen kann - wirtschaftlich, politisch und propagandistisch.