Menschen können sich sehr merkwürdig verhalten, und im Film verhalten sie sich oft besonders merkwürdig. Bei Actionhelden fällt es noch vergleichsweise leicht, das zu verstehen. Was sie umtreibt, ist ja immer deutlich sichtbar (solange es nicht tot umgefallen oder explodiert ist). Der Kunstfilm hat es schwerer. Seine unverstandenen Helden tragen häufig Probleme mit sich herum, deren Ursprung weit zurückliegt in der Vergangenheit und deren Lösung mit keiner Schusswaffe erzwungen werden kann. Es ist eine noble Aufgabe, diese Probleme ins Licht zu tragen. Leider gelingt es nur selten.

Auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig kommen die Sorgen oft von weit her und tief unten. Die Mutter ist gestorben, der Vater hat missbraucht, die Geliebte ist verunglückt - vor Jahren war's, vor Jahrzehnten sogar, aber die Opfer leiden weiter. Als Zuschauer möchte man die Unterscheidung einführen: Es gibt Filme, in denen passiert etwas, und es gibt Filme, in denen ist etwas passiert. Natürlich wäre diese Unterscheidung zutiefst ungerecht. Denn die Vergangenheit kann der Gegenwart auch Beine machen, ohne sich in den Mittelpunkt zu drängen.

So setzt Claude Chabrol sie ein. In Merci pour le Chocolat entdeckt die angehende Pianistin Jeanne, dass sie als Neugeborenes für einen Moment lang vertauscht worden war. Zufällig lernt sie den vermeintlichen Vater von damals kennen. André ist ein berühmter Pianist. Seine Frau Mika (Isabelle Huppert) lädt Jeanne für ein paar Tage in ihre Villa ein, sehr zuvorkommend. Aber führt sie nicht etwas im Schilde? Warum ist Schlafmittel im Kakao? Hat sie etwa Andrés erste Frau auf dem Gewissen? Chabrol kitzelt die Fragen heraus, nimmt die Antworten aber gar nicht wichtig. Es kommt darauf an, was geschieht, nicht darauf, was geschehen ist. Eine Familie gerät ganz leicht aus dem Gleichgewicht, eine Frau verfängt sich ganz langsam in einem selbst gesponnenen Netz aus haarfeinen Manipulationen. Die Figuren werden immer nur millimeterweise verschoben, von einer Irritation zur nächsten, und mittendrin bleibt Mika ein zart durchtriebener Charakter, den Chabrol so wenig auserklärt wie die Vorgeschichte, die sie zur Bösen werden ließ.

Noch vorsichtiger geht nur Christian Petzolds Film Die innere Sicherheit mit der Vergangenheit seiner Gegenwart um. Er zeigt Mann, Frau und 15-jährige Tochter beim Leben "im Untergrund". Mann und Frau werden von der Polizei gesucht, seit Ewigkeiten offenbar, in der Zwischenzeit konnte die Tochter aufwachsen. Wenn Petzold von einer unmöglichen Jugend zwischen Unterschlüpfen und Abtauchen erzählt, dann sieht er genau hin und hält drauf, bis es wehtut. Wenn es jedoch darum geht, warum die Eltern eigentlich im Untergrund stecken und was sie seither verändert hat, dann sieht er lieber weg und blendet aus. Petzolds Hauptfiguren sollen ehemalige Terroristen sein, RAF oder Ähnliches, aber ausgesprochen wird das nie. Solange es im Ungewissen bleibt, muss der Regisseur seine Sympathien nicht verteidigen. Dennoch rechnet er mit einem Publikum, das mitfühlt, weil es Bescheid weiß. Die innere Sicherheit zehrt von einer tragischen Vorgeschichte wie so manches Psychodrama. Statt aber dem Gewesenen nachzugehen, um dessen Schwerkraft zu erklären, versucht Petzold alle konkreten Spuren zu verwischen, weil er vermintes Gelände wittert. Das ist verzweifelte Gegenwärtigkeit - nicht die beste Alternative zum verweifelten Griff in die Schatten der Vergangenheit.

Ein hässlicher Gedanke zum Schluss. Petzolds Offenheit im Zugriff auf seine Terroristen verdankt sich auch einer vergangenen Zeit. Im Jahr 2000 kommt der Terror nicht mehr von Linksaußen. Wie sähe ein Film aus über eine Rechtsradikalenfamilie auf der Flucht? Müsste er eindeutiger sein? Ein unfairer Vergleich. Ein Schatten aus der Gegenwart.