Nicht an alles: Der Dunst der Verwesung sättigt die Luft im Kellerraum 17, das ist ein Geruch wie nach Urin, Schweiß und Fäulnis, hier verrotten die Kap-Sachen, blutgetränkte Mäntel und Handtücher, von Körperflüssigkeiten genässte Bettwäsche, von getrocknetem Angstschweiß starrende Hemden. Kap heißt Kapitalverbrechen. In den Regalbuchten verstauben Klebebänder, mit denen Mörder ihren Opfern den Mund verschlossen, Schnüre, die zu Schlingen wurden, Schirme, die in Lungen fuhren, Stricknadeln, Brieföffner, Steine. Laufende Nummer 12349: "1 beblutetes T-Shirt, 2 ein Flaschenhals, 3 Blutspuren, 4 Glasreste mit Blutanhaftungen, 5 ein Butterflymesser, 6 ein Klappmesser". Kälter lassen sich Geschichten nicht erzählen.

Das Sockelgeschoss des alten Palastes erzählt sie zu Tausenden, in 25 Kellern und 2 Innenhöfen drängen sich die Asservate, Beweismittel, die Requisiten des kriminellen Welttheaters. "Ich sag immer", sagt Torsten Munack, der für die Berliner Staatsanwaltschaft arbeitet, "wir haben hier alles vom Schnürsenkel bis zum Sarg." Deshalb kommt von Zeit zu Zeit das Fernsehen, dann müssen die Kollegen mit ausgestopften Störchen posieren, müssen die Tür zeigen, durch die Bubi Scholz im Vollrausch seine Frau erschoss, und die Bimmelbahn, mit der Arno Funke alias Dagobert sein Erpressergeld abholen wollte. Kein Wort darüber, dass das alles eigentlich nicht komisch ist, weil sie hier unten partout nicht mehr wissen, wohin mit dem Schamott. Immerfort stehen neue VW-Bus-Ladungen vor der Tür, die Polizei liefert montags und mittwochs, um die 300 Nummern jede Woche, und wenn es schlecht läuft, kommt eine Fuhre mit 2500 gefälschten Markenkochtöpfen herein, dann sagen sie hier unten: Nein, jetzt ist Schluss, weil sich 2500 Kochtöpfe nicht verstauen lassen auf ein paar lumpigen Quadratmetern und weil 2500 Töpfe ohne Computer nicht vernünftig zu registrieren sind.

An Justitias Fließbändern stehen 2600 Menschen

Nach "Steinzeitsystem", sagen sie, stopfen sie das Zeug in die letzte freie Nische und verbuchen es, handschriftlich, in cremefarbenen Folianten, 800 Nummern pro Buch, 10 bis 15 Bücher pro Jahr. So oder so muss alles hier rein, wo schon lange nichts mehr reingeht nach menschlichem Ermessen, und was für diese Keller gilt, das gilt für diesen ganzen alten Palast, der sich 210 Meter lang die Berliner Turmstraße hinzieht und den Geschichten über das Töten und Stehlen, das Betrügen und Lügen, das ganze Verhängnis des Lebens einen kurzen, dunklen Namen gibt: Moabit. Albtraum der Bürokratie unter den Bedingungen des bankrotten Staates.

Wenn das größte Gericht Europas werktags gegen acht Uhr erwacht und damit die größte Justizfabrik der Welt ihre Arbeit aufnimmt, stehen bei Volllast 2600 Menschen an ihren Fließbändern. 2600 Wachtmeister, Schreibkräfte, Putzfrauen, Kanzleiangestellte, Sachverständige, Archivare, Dolmetscher, Köche, Pförtner und viele, sehr viele studierte Juristen, Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Nebenkläger, erdrückt schon frühmorgens von der kolossalen Haupthalle, 29 Meter hoch, 3 Meter höher als das Brandenburger Tor, bevölkert von einem Reigen allegorischer Skulpturen, rechts in der Halle die Lüge in Sandstein, wie sie hinter vorgehaltener Hand und mit Fuchskopf bekrönt seit 94 Jahren schon zur Streitsucht hinüberzischt, aus deren Kopf der kaiserliche Bildhauer kiefersperrende Schlangen hat wachsen lassen. Moabit.

1000 Besucher, Zeugen, "Prozessbeteiligte" jeden Tag, im Bauch des Apparats zusätzlich 1300 Delinquenten aus 80 Nationen in Untersuchungs- oder schon Strafhaft, das Gefängnis noch einmal eine kleine Stadt in der Stadt, deren Bewohner die Stunden zählen, tagein, tagaus, bis sie selbst an der Reihe sind, vor ihren Richter zu treten, und sie vorgeführt werden, "durchgeschlossen" von der Zelle zu den Gerichtssälen in den Moabiter Trakten A, B, C, D, E, auf Wanderschaft durch eine Baumasse, die ihre Flure in Kilometern misst; der Altbau allein gruppiert sich um 12 Höfe von A bis L, ist erschlossen über 17 Treppenhäuser von A bis Q, und also sagt gut gelaunt und "scherzhaft" Torsten Munack, ein Lederwesten-Berliner und Gauloise-Raucher und der Vizegeschäftsleiter der Berliner Staatsanwaltschaft: "Ich sag immer, wir finden hier bei jedem Frühjahrsputz einen Verhungerten."

Dabei droht Justitia selbst auf der Strecke zu bleiben im Labyrinth aus grauem Stein. Moabit ist verkommen zu einer Justitia in Lumpen, das heißt, es verfällt, es verfilzt, und vor allem platzt es aus allen Nähten, weil das Recht und seine Fälle wie der Brei aus dem Märchen immer und ewig quellen. Eine Chiffre ist Moabit für die ganze Mühle der deutschen Justiz und dabei ein eigener Mikrokosmos ohnegleichen.