Nelson Mandela - Freiheitskämpfer, jahrzehntelang als Häftling des Apartheid-Regimes auf Rotten Island, Befreier Südafrikas und dessen erster schwarzer Präsident - spricht über Afrika: seine Wirtschaftsmisere, seine Naturkatastrophen, das Desaster seiner ewigen Kriege. Fast verzweifelt appelliert er an die Weltgemeinschaft: Interveniert! Helft! Beschwörend stößt er hervor: "Im Zeitalter der Globalisierung sind wir doch alle wieder zum Hüter unseres Bruders und unserer Schwester geworden ...".

Nicht alle Schwarzafrikaner teilen Mandelas Ansicht. Europäisches, westliches Eingreifen? Das klingt ihnen zu schnell nach einer Neuauflage des Kolonialismus. "Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme", lautet ihr Motto. Aber dass es riesige Probleme gibt, leugnen sie nicht.

Seit vier Jahrzehnten flackert Afrika als Kontinent der Apokalypse über die Bildschirme: eine unendliche Geschichte von Dürre und Hungersnot, Krankheit und Korruption, Terror und Tyrannei, Schulden und Schuld. Das vielhunderttausendfache Morden in Ruanda - schreckliches Echo des Holocaust und grausiger Abklatsch der killing fields in Kambodscha - entsetzte, empörte, erschütterte 1994 die Welt. Und auch seitdem reißen die Schreckensnachrichten nicht ab. Zumal Schwarzafrika auf fatale Weise zwischen Stamm und Staat, Ausgleich und Ausrottung, Modernisierung und Archaisierung hin und her gerissen ist.

In vierzig Jahren Unabhängigkeit hat der Kontinent 80 Militärputsche erlebt, bei denen über zwei Dutzend Regierungs- und Staatschefs umgebracht wurden. Seit 1970 sind in Afrika mehr als 30 Kriege gezählt worden - Kriege zwischen Staaten, aber vor allen Dingen Konflikte innerhalb der Staaten: Bürgerkriege, Stammesfehden, ethnische Auseinandersetzungen, religiöse Konfrontationen. Im vergangenen Jahr waren es in Afrika mehr als in irgendeinem anderen Erdteil. Konflikte, die jährlich über tausend Tote kosten, tobten in Angola, den beiden Kongos, Eritrea, Äthiopien, Ruanda, Somalia und dem Sudan. Zugleich erschütterten bewaffnete Auseinandersetzungen minderer Intensivität die Länder Burundi, Djibuti, Senegal, Sierra Leone, Tschad und Uganda. Von den weltweit 22 Millionen Flüchtlingen, die aus ihren Heimatländern vertrieben worden sind, leben 8 Millionen in Afrika; weitere Millionen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Alle Friedensbemühungen aber, ob für den Kongo oder Burundi, für Sierra Leone oder den Sudan, sind nach vielversprechenden Ansätzen immer wieder steckengeblieben.

Und Krieg ist nicht die einzige Plage Afrikas. Die unvorstellbare Korruption der herrschenden Eliten lässt sich an den stupenden Summen ablesen, die raffgierige Herrscher auf Schweizer Nummernkonten verschoben haben: über eine Milliarde Dollar der kongolesischen Diktatur Mobutu, 670 Millionen der nigerianische General Abacha. Wobei die Regel gilt: Je rohstoffreicher ein Land, desto schamloser die Korruption.

Hinzu kommt die verheerende Wirkung der Aids-Pandemie. In Afrika leben 13,2 Prozent der Weltbevölkerung, aber 69 Prozent aller HIV-Infizierten der Erde. Besonders betroffen sind Botswana, Simbabwe, Sambia und Südafrika. Dort ist fast ein Drittel der Bevölkerung an Aids erkrankt, und zwar nicht nur Prostituierte, Wanderarbeiter und Soldaten, sondern auch Lehrer, Gesundheitsfürsorger und vor allen Dingen Frauen. Mehr Menschen sterben heute an Aids als durch Kriegseinwirkung. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den betroffenen Regionen ist auf das Niveau von 1950 zurückgefallen: 45 anstelle der seitdem erreichten 60 Jahre.

In vielen Ländern ist zudem ein fortschreitender Staatszerfall zu beobachten. Die politische Gewalt zersplittert. Das staatliche Gewaltmonopol wird von rivalisierenden Kräften privatisiert; die Institutionen werden ausgehöhlt; die gesellschaftliche Infrastruktur verkommt. Wo nicht überhaupt totale Herrschaftslosigkeit Einzug hält, triumphiert die Missherrschaft: bad governance. Dabei lassen sich die unbefriedigenden Zustände nicht länger auf die Sünden der ehemaligen Kolonialherren schieben. Nelson Mandela oder Ugandas Präsident Museveni räumen unumwunden ein, dass die Ursache der Misere längst in der Unfähigkeit und dem Missmanagement vieler afrikanischer Staatenlenker zu suchen ist.