Wolf Jobst Siedler ist einer der seltenen deutschen Vertreter eines ressentimentfreien, unspießigen Konservatismus. Er hat diese Haltung in einer Zeit hochgehalten, da sie gänzlich ausgestorben schien. Der deutsche Konservatismus war in diesem Jahrhundert, vor allem nach 1945, fast durchweg verdruckst, glanzlos, nicht selten auch korrupt und verlogen. Nach dem Untergang des ostelbischen Adels und der alten Patriziate wurde seine soziologische Grundlage vollends kleinstädtisch, kleinbürgerlich, bestenfalls mittelständisch. Die sittliche Substanz dieser Welt, ihre Begriffe von Ehre und Stil, von Rechtsstaat und Öffentlichkeit, entfaltete noch einmal die Ära Kohl, sie erwies sich in der Spendenaffäre der CDU, sie zeigt sich Tag für Tag in den bellenden Auftritten Stoibers und in der dreisten Ungeniertheit Roland Kochs.

Siedler, der sich einmal als "linken Tory" exponierte, verkörpert einen Gegentypus, bei dem historische Bildung, intellektuelle Energie, Stil, Umgangsformen eine zeitgenössisch glaubwürdige Symbiose eingingen. Das sozial Ortlose dieser Haltung verrät sich allerdings schon in den englischen Begriffen, die auf eine bürgerlich-aristokratische Symbiose hindeuten, die Deutschland nie gekannt hat. Siedler setzt sie einfach. Seine konservative Melancholie war nie verheult oder grämlich

sie war Trauer über das Schöne, das doch sterben muss. Der Konservative kennt die Schuld, nicht nur Schuldige

also war Siedlers Sprache über die deutschen Verbrechen immer unzweideutig. Er war, als Konservativer, immer ein freier Geist, verwegen, draufgängerisch, brillant.

Dieser Glanz verbreitete sich über alles, was er als Verleger tat. Er wurde zum erfolgreichsten Organisator eines neuen historischen Bewusstseins in Deutschland. Das Jahr 1973 markiert vielleicht den Höhepunkt. Damals erschienen in dem von Siedler geleiteten Propyläen Verlag gleichzeitig Joachim Fests Biografie Hitler und Arno Borsts Lebensformen im Mittelalter, zwei literarisch glanzvolle Epochenwerke, die einer ganzen Generation den Weg zur Geschichte öffneten. Im Übrigen ist es ganz unmöglich, das von Siedler als Verleger Geleistete in einer kurzen Übersicht auch nur anzudeuten: Es reicht von den großen Reihenwerken des Propyläen und des Siedler Verlags bis zu den Memoiren fast aller wichtigen deutschen Staatsmänner. Und damit ist Siedlers eigene essayistische Produktion noch nicht einmal erwähnt.

Wer auf eine so monumentale Lebensleistung zurückblickt, darf seinen Memoiren vielleicht wirklich den Titel Ein Leben wird besichtigt geben. Jedenfalls hat er allen Grund, den Rundgang durch seine eigene Vergangenheit mit tiefer Befriedigung zu vollziehen. Der Leser bekommt dabei etwas überaus Kostbares vorgeführt: ein ungebrochenes Verhältnis zur eigenen Welt und Vorwelt, das über das altständisch bescheidene Lob des Herkommens weit hinausgeht. Wolf Jobst Siedler stammt aus glanzvollen Verhältnissen, und er lässt uns nicht im Unklaren darüber. Der ehrwürdige Name Schadows fällt

die Blüte des reichen jüdischen Bürgertums von Berlin ist im Stammbaum vertreten und mit seinen Tiergarten-Villen in den Abbildungen präsent. Den Vater, einen Bürgerlichen, führte der diplomatische Dienst nach Alexandria, wo er am operettenhaften Zauber einer kolonialen Gesellschaft partizipierte.