Vorn am Mikrofon steht Leonard Cohen, singt mit tiefster Stimme sein Who By Fire, die träge Melancholie von zwei Sängerinnen eingerahmt. Im Hintergrund erklingen schwankende Saxofontöne, schaukeln durch die Akkorde, umspielen die Melodie. Cohen dreht sich um, hört dem großen weißbärtigen, sonnenbebrillten Mann zu, der auf seinem Tenorsaxofon trötet und sich um keinen Taktstrich kümmert. Ein Monolith, der aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Leonard Cohen klatscht.

Dieser Fernsehauftritt von Sonny Rollins ist schon ein paar Jahre alt, möglicherweise stammt er aus den frühen neunziger Jahren. Er existiert nicht auf Platte, nicht als CD, ist aufgezeichnet im Rahmen der amerikanischen TV-Serie Night Music. Reichlich unpassend, einen Mann, der auf Tausende von Club-Engagements und Konzerte zurücksieht, auf rund 80 Jazzplatten improvisierte und, living legend, am 7. September 70 Jahre alt wird, als Begleiter im Hintergrund zu präsentieren. Und doch kreuzen sich in diesem kurzen Augenblick seine Lebenslinien: die Liebe zum populären Song, die Sehnsucht (und Angst), vom Publikum (zu sehr) geliebt zu werden, und die Sturheit, sich grenzenlos sein eigenes Zeitmaß zu nehmen.

Noch ein weiteres Mal hat Sonny Rollins die Schwelle zum Popgeschäft überschritten. Er spielte mit den Rolling Stones auf Tatoo You und blies jene lange Coda zu Waiting On A Friend - die Stones erwähnten ihn nicht einmal in den Credits. Es blieb die Ausnahme: "Die Leute in der Musikindustrie wollen die Musiker kontrollieren. Da kommt jemand auf die glorreiche Idee: ,Bringen wir doch Sonny mit Joan Collins zusammen.' So funktioniert ihr Denken. Dann bieten sie mir 200 000 Dollar für zehn Minuten Arbeit - und ich lehne ab.

Diese Art von Unabhängigkeit können sie nur schwer ertragen." Sonny Rollins hat sich seit über 30 Jahren aus dem Musikzirkus verabschiedet. Das hat ihm sein Leben gerettet und manchmal - Feind fehlt! - seine Musik geschwächt. In regelmäßigem zweijährigen Abstand veröffentlicht er eine Platte - im September erscheint pünktlich bei Milestone This Is What I Do - und er schraubt seine Gagen so hoch, dass die meisten Veranstalter die Finger von ihm lassen, bleibt wählerisch, auch wenn es sich finanziell lohnen würde, seine Farm in Germantown, 100 Kilometer nördlich von New York City, zu verlassen. Natürlich steigert dieses Sichentziehen den Reiz an seiner Person.

Doch Rollins und Rückzug, das sind keine unbestimmbaren Variablen, das ist die Mitte seiner Person, wenn der Anspruch übermächtig wird. "Die Leute erwarten zu viel von mir. Es ist mir sehr wichtig, was das Publikum - auch die so genannten Kritiker - von mir denken. Aber es ist auch eine Situation, in der es nichts zu gewinnen gibt - da du die Erwartungen nie erfüllen kannst."

"The Last Jazz Immortal" nannte ihn die New Yorker Zeitschrift Village Voice, "The Greatest Living Jazzmusician" in ihrer Titelstory vom Januar 1996.

Blickt man auf die Straße des Mainstream, von der die alten Neutöner Ornette Coleman und Cecil Taylor sich ferngehalten haben, dann läuft da Sonny Rollins ganz allein, monologisiert, schwingt sein Saxofon, braucht keinen. Wie immer.