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Der Roman liegt immer noch schwer im Magen. Nur wenige halten ihn für gut, kaum jemand hat ihn gern gelesen, trotzdem zählt er zu den wichtigen Werken der neunziger Jahre. In Bret Easton Ellis' American Psycho war eine Heldenfigur des fortgeschrittenen Kapitalismus krass auf ihren barbarischen Kern gebracht worden. Der Börsenmakler und Bilderbuch-Yuppie Patrick Bateman entpuppte sich als bestialischer Serienkiller, sein beruflicher Erfolg schien fast zwangsläufig in die Mordlust zu münden. Ellis walzte Batemans oberflächliches Palaver wie dessen stumpfes Wüten so monoton und brutal auf bald 500 Seiten aus, dass sein mondänes Monster zu einer Chiffre wurde für den eisigen Hedonismus der Konsumgesellschaft.

American Psycho spielte im New York der achtziger Jahre, als die Reaganomics der Wall Street eine goldene Zeit bescherten. Oliver Stone erfand damals für seinen Film Wall Street den Mephisto der Stunde. Gordon Geckos Motto lautete: "Gier ist gut!", und seine Schüler waren selbst ernannte Masters of the Universe, wie Sherman McCoy, der Broker aus Tom Wolfes Bonfire of the Vanities. Das war Batemans Zeit. Aber anders als Stones Film und Wolfes Roman reichte Ellis' Buch substanziell über die Yuppie-Jahre hinaus - obwohl er sein Werk mit den Markennamen der Achtziger überzog, als ginge es ihm nebenbei um eine kleine Enzyklopädie zeitgenössischer Luxusartikel. Die "Aktualität" von American Psycho und der Reiz seines Konzepts haben seit der Veröffentlichung 1991 nicht nachgelassen. Umso merkwürdiger wirkt es deshalb, den frisch gebliebenen Stoff jetzt in die Vorzeit abgeschoben zu sehen. Mary Harrons Verfilmung von American Psycho tritt sehr bestimmt und von Anfang an als period picture auf, als Kostümfilm aus den achtziger Jahren. Obwohl sie damit im Grunde dem Text treu bleibt, verstößt sie gegen den Geist des Buches. Denn Ellis lag viel an einer Nähe zwischen Leser und Täter - die vermittelt wurde durch den Ich-Erzähler im Präsens, aber auch durch die Tuchfühlung zum gemeinsamen Zeitgeist. Es wäre ein Leichtes gewesen, diese Tuchfühlung neu herzustellen, die Börse hat schließlich erst vor kurzem eine neue Generation von Masters of the Universe auf den Markt geworfen, und diesmal war das Fußvolk sogar noch näher dran. Wie der Börsenblick die Welt verändert und den Menschen

ob die virtuelle Verfügungsgewalt über immer größere Märkte im Kopf noch andere Fantasien von Verfügungsgewalt entstehen lässt

ob im Auf und Ab des Geldes und der Gier alles übrige Gefühl zweitrangig wird und sich dann, im Schatten der Indifferenz, das Recht des Stärkeren auf furchtbare Weise Bahn bricht - diese und ähnliche Fragen sind zwischen dem Turbokapitalismus und seinem Albtraum American Psycho immer noch leicht zum Schwingen zu bringen.

Mary Harron will den Albtraum bannen, ihm etwas von seiner Wucht nehmen, indem sie ihn als Albtraum einer vergangenen Zeit ausstaffiert.

Wahrscheinlich hat diese Fluchtbewegung auch mit der Überzeugung zu tun, es mit dem gewaltigen Auftritt des Buches ohnehin nicht aufnehmen zu können.

Ellis' Roman ist ein einziger enervierender Exzess - an Blabla und Brutalität, an Oberflächlichkeit und Wiederholung. Ein vergleichbarer Film müsste nicht nur extrem gewalttätig sein, sondern auch extrem lang und langweilig. Man kann es Mary Harron kaum verübeln, dass sie sich dieser Herausforderung nicht gestellt hat.

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Der Ausfallschritt in die achtziger Jahre schafft Distanz - auch für den Zuschauer. Keine "Ära" könnte ferner wirken. Während man in einem Drama aus jeder anderen Zeit sofort nach Anknüpfungspunkten suchte, fällt hier zunächst der Abstand auf. Noch scheint kein nostalgischer Blick auf den Geschmack und die Geschmacklosigkeiten der achtziger Jahre möglich. Es war kein schönes Jahrzehnt

wir haben es längst hinter uns, zum Glück. Wer Patrick Bateman aus dieser Perspektive beim blutrünstigen Dahinvegetieren zusieht, fühlt sich durch einen einigermaßen befestigten Graben von ihm und seiner Welt getrennt.

Aber Harron weicht nicht nur aus, sie greift auch zu. Ellis' Dröhnung hat sie eine schlanke, handfeste Satire abgerungen. Darin sind die meisten Motive des Romans enthalten. Und während man die geringere Schwerkraft des Films bedauern mag, kann man auch dankbar sein für diese im Ganzen unterhaltsame Sightseeing-Tour durch ein öde ausfransendes wasteland. Unter den möglichen Verfilmungen ist dies vielleicht die beste - eine, die mit ihrer Ausschnitthaftigkeit so offen umgeht wie mit der Unfassbarkeit ihrer Hauptfigur, weil sie diese nicht heimzuholen versucht in die Welt des psychologisch Korrekten.

Bateman, ein Held, der einfach nicht "da" ist

Bateman sagt aus dem Off gleich zu Beginn: "Es gibt zwar eine Idee von Patrick Bateman, aber es gibt kein echtes Ich. Obwohl Sie meine Hand schütteln können und vielleicht sogar unsere Lebensstile für vergleichbar halten: Ich bin ganz einfach nicht da." Bateman ist ein schwarzes Loch im weißen Hemd, ein Nichts mit einem Körper aus dem Fitnessstudio. Seine Persönlichkeit passt auf den Magnetstreifen einer Kreditkarte, seine Verzweiflung gilt nur den Rissen im Imagepanzer, sein Selbstwertgefühl hat sich nahezu komplett auf die Klinge seiner Mordwerkzeuge zurückgezogen. Nur noch aus dem Schmerz der anderen gewinnt er sinnliche Sensation. Batemans "Charakter" ist ein düsteres Stück Konzeptkunst, aber in der Darstellung von Christian Bale wird daraus ein leuchtendes Stück Schauspielkunst. Bale zeigt Bateman als starre, zitternde, schließlich flatternde Fratze, die sich immer krampfhafter bemüht, Fassung zu bewahren. Er tanzt stets auf der Oberfläche, taucht nie in eine Tiefe, die es nicht gibt. Aber seine oft aus dem stählernen Gesicht ungelenk abgleitenden Züge enttarnen alle Schwierigkeiten, die eine fühllose Hülle haben mag, wenn sie noch als Antlitz funktionieren soll.

Steigern lässt sich diese Art Karikatur der Persönlichkeitsfrage nur mit einer noch strengeren Metapher. In einer der besten Szenen des Films ziehen die Teamkollegen der Brokerfirma voreinander die Visitenkarten, als gelte es, die eigene Satisfaktionsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Nachdem die Karrieren so austauschbar geworden sind wie die Anzüge, verschaffen nur noch Papier- und Druckqualität der business card einen Distinktionsgewinn.

Identität bleibt eine Frage der Prägung - allerdings in einem völlig neuen Sinn. Bateman versucht freilich, auch durch entschiedenen Popmusikkonsum eine Restsensibilität aufrechtzuerhalten. Den Opfern in seiner weißen Wohnung hält er absurde Kurzvorträge über tiefe Wahrheiten in den Songs von abgeflachten Soundschmirglern wie Whitney Houston, Phil Collins oder Huey Lewis and the News. "Invisible Touch ist eine epische Meditation über das Ungreifbare ..."

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Allein: Die Meditation führt in die eigene Leere, also muss wieder Greifbares her. Bateman wirft die Motorsäge an.

Die Morde und Folterungen, die in Ellis' Roman beschrieben werden, sind aufgrund ihrer Brutalität kaum lesbar. Harron fängt gar nicht erst an, sie sichtbar machen zu wollen. Auch in dieser Hinsicht weicht sie auf elegante Ellipsen aus. Mal sieht man ein schwingendes Beil, mal eine Lache Blut, mal wischt die Kamera im Vorübergehen an hängenden Leichen im Kleiderschrank entlang, mal gerät beim Öffnen des Kühlschranks ein abgetrennter Kopf in den Blick. So viel Deutlichkeit muss sein. Nie jedoch wird die Gewalt, wie sonst in Hollywood, zur Spannungssteigerung eingesetzt. Nur einmal inszeniert Harron eine dramatische Jagd, und die montiert sie zum B-Film. Da schießt sich Bateman, als killer on the loose, den Weg frei. In derselben Nacht wird er seinem Anwalt alles beichten. In einer Filmparodie gehen Bateman also die Augen auf, als Darsteller seiner selbst. Es nützt aber nichts. Der Anwalt hält gerade diese Beichte für einen Scherz aus der Serienkiller-Schmunzelecke. So geht das Bekenntnis ins Leere, hervorgebracht und untergepflügt von den Strudeln einer durchdrehend mediatisierten Welt.

American Psycho musste verfilmt werden - auch das ist eine Folge des medialen overdrive. Der Titel war zu berüchtigt, als dass man auf die Weiterverwertung hätte verzichten können - ein Markenartikel gewissermaßen und darin all jenen Markenartikeln vergleichbar, hinter denen die Menschen in Ellis' Buch allmählich verschwinden. Die Broker verwechseln einander regelmäßig - aber sie erkennen aneinander von weitem jedes Designerlabel. Das Label American Psycho klebt jetzt auch an einem Film und einem Soundtrack. Das Monster Bateman verschwindet allmählich dahinter, fast ist es schon genießbar, Mary Harron hat gute Arbeit geleistet und dem Besten des Buches, seiner Unverdaulichkeit, einen schlechten Dienst erwiesen.